Was ist eigentlich die Aufgabe des Wissenschaftsjournalisten? Obwohl ich mir die Frage immer wieder stelle, weiss ich es immer noch nicht genau. Unbestritten ist wahrscheinlich, dass er wie jeder andere Journalist primär für seine Leser schreiben muss – und zwar eine spannende Geschichte. Aber wie ist sein Verhältnis zur Wissenschaft? Mir fallen da mehrere Aufgaben ein:
- sie kritisch hinterfragen
- ihre Erkenntnisse vermitteln
- einen Einblick in ihre Funktionsweise gewähren
- Klischees über sie zementieren…autsch!
Die sparsamste Art, eine spannende Geschichte zu schreiben, ist wohl die Klischees zu zementieren. Den zerstreuten Professor, den ewigen Doktoranden oder den genialen Wissenschaftler zu porträtieren gelingt auf wenigen Zeilen und gibt den Lesern möglicherweise das Gefühl, gut informiert zu sein.
Das Klischee des effekthaschenden PR-Wissenschaftlers wurde vorletztes Wochenende in der NZZ am Sonntag (Artikel) bedient. Im betreffenden Artikel werden technikgläubige Wissenschaftler dargestellt, welche die schöne Welt der Geigen für eigene PR-Zwecke missbrauchen. Der kritisierte Wissenschaftler durfte gerade Mal ein Zitat liefern (aus seiner Publikation), wodurch die PR-Hypothese bestätigt wurde. Im Rest des Artikels darf ein Geigenbauer die Qualität der neuartigen Geigen infrage stellen, ohne sich rechtfertigen zu müssen und wahrscheinlich ohne die Geigen selbst gesehen zu haben. Der andere im Artikel erwähnte Geigenbauer, der zusammen mit einem Wissenschaftler im Blindtest eine millionenschwere Stradivari schlug, durfte deswegen zu Aeschbacher, wo er weder nach der Wissenschaft noch nach dem Wissenschaftler gefragt wurde (Sendung). Aber Aeschbacher ist ja auch kein Wissenschaftsjournalist.
Nicht die Wissenschaftler sind verrückt nach Geigen, wir Journalisten lechzen nach Geigengeschichten. Dank uns wissen mehr Leute, dass Albert Einstein Geige spielte, als dass die Relativitätstheorie einen irreführenden Namen hat. Ich erinnere mich an eine Presseveranstaltung mit dem Physiknobelpreisträger Gerd Binnig anlässlich der International Conference on Nanoscience and Technology 2006 in Basel. Die erste Frage eines Journalisten: “Sie spielen doch Geige, nicht?”
Schlussfolgerung: Geigen spielende Wissenschaftler gut – Geigen bauende Wissenschaftler schlecht!
Ich gehe davon aus, dass Wissenschaftler und Journalisten dasselbe Ziele haben: eine mündige Gesellschaft. Die einen wollen das mit wissenschaftlicher Strenge und die anderen mit unterhaltsamer Information erreichen. Deshalb sollten die Wissenschaftsjournalisten auf der Seite der Wissenschaft stehen. Das heisst selbstverständlich nicht, auf kritische Fragen zu verzichten. Die Kritik und Selbstkritik gehört zum Selbstbild beider Berufsgattungen.



Nebst der Kritik(Fähigkeit) gehört auch die Ethik (reflexion) zum Handwerkszeug. Dazu ein Link aus der Modewelt, der weiter denkt, weil die schwindenden Ressourcen immer wichtiger werden und wir uns fragen müssen: Was ist das Notwendigste, das ich rüberbringen muss, bevor es uns schlicht nicht mehr gibt!
http://shirahime.ch/2011/05/how-ethical-is-ethical-a-labeling-and-consensus-dilemma/