Das morgendliche Zähneputzen – der Kaffee nach dem Essen – die drei Küsschen bei einer Begrüssung – das Singen im Fussballstadion: Rituale sind überall, sie prägen und strukturieren unser Leben. Tag für Tag vollziehen und beobachten wir unzählige routinisierte Handlungen, Rollenspiele und standardisierte Handlungsabläufe. Wie aber entstehen diese alltäglichen unbewussten Theaterstücke? Wie werden derartige Handlungen zu Ritualen und wie sehen sie aus, die Rituale von heute? Diesen Fragen widmete sich das Café Scientifique vom 7. November. Aus drei unterschiedlichen Perspektiven – einer volkskundlichen, einer religionswissenschaftlichen sowie einer medienwissenschaftlichen – wurden traditionelle sowie moderne Rituale betrachtet.
«Das Ritual per se gibt es nicht», erklärte Religionswissenschaftler Jürgen Mohn, welcher die Veranstaltung eröffnete, und machte damit gleich zu Beginn auf die Vielzahl und Unterschiedlichkeit moderner Rituale aufmerksam. Generell sei es heutzutage so, dass es nicht mehr nur traditionelle religiöse Rituale der Weltreligionen gäbe, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher kultureller Phänomene mit rituellem Charakter – sogar das tägliche Zähneputzen könne zum rituellen Akt werden. Insbesondere die Französische Revolution sei ein wichtiger Umbruch in Bezug auf religiöse Rituale gewesen: Säkularisierungs- und Rationalisierungstendenzen führten dazu, dass die Nation die Religion ersetzte. Entsprechend wurden Rituale politisiert sowie nationalisiert und Religionsfeste wurden zu Nationalfesten.
Letztere beschrieb Kulturwissenschaftler Walter Leimgruber in seinem Vortrag und eröffnete damit den Blick auf die Rolle von Ritualen im Alltag. Er zeigte auf, dass es sich bei derartigen Anlässen, zum Beispiel Schützen- oder Turnerfesten, um hoch ritualisierte Abläufe handelt, welche verschiedene menschliche Bedürfnisse abdecken. Die Feste verfügen über ein hohes Integrationspotential, da sie einen gemeinsamen Sinnbezug herstellen und ein Zugehörigkeitsgefühl vermitteln. Die Gruppe schafft einen Raum zur (gemeinsamen) Identifikation und tritt damit den (einsamen) Ängsten und Unsicherheiten des Alltags entgegen. Nationalfeste bieten die Möglichkeit, eine gemeinsame Identität zu konstruieren und Rituale zu zelebrieren.
Was aber beinhalten sie genau, die Rituale? Was macht eine normale Handlung zu einem Ritual? Medienwissenschaftler Klaus Neumann-Braun beschrieb, dass die Wiederholung ein zentrales Element ritueller Phänomene sei. Vollzieht sich eine Handlung regelmässig und systematisch, entsteht ein Handlungsmuster. Um ein Ritual handelt es sich dabei jedoch noch nicht. Erst wenn die systematisierte Handlung Komponenten der Symbolisierung und Weihung beinhaltet, die Tätigkeit also etwas zum Ausdruck bringt und das Ausgedrückte überhöht, könne man von einem Ritual sprechen. So kann etwa Holzhacken eine rein instrumentelle Handlung sein, welche das Ziel verfolgt, Holz in kleine Stücke zu zerteilen. Holzhacken kann aber auch zur symbolischen Handlung werden, wenn damit dem Nachbarn die eigene körperliche Fitness und das handwerkliche Geschick zur Schau gestellt werden sollen. Anhand dieses Beispiels zeigte der Referent ein weiteres wichtiges Element der Rituale auf: deren Theatralität. Rituale vollziehen sich nicht im Versteckten, sondern immer vor Publikum. Eine Handlung wird vorgeführt und somit in ihrer Bedeutung reproduziert und bestätigt. Dadurch entwickelt sich eine Eigendynamik. Rituelle Handlungen verselbstständigen sich. Es gehört also zu ihrer Charakteristik, dass sie nicht jedes Mal aufs Neue hinterfragt werden, sondern ohne Reflexion akzeptiert und ausgeführt werden. Kein Wunder also ist unser Alltag voll von unbewussten Ritualen. Aber: In welchem Alltag leben wir eigentlich? Die Antwort führte ins Kerngebiet des Medienwissenschaftlers: Wir leben in einer Medien-Gesellschaft. Eine zunehmende Mediatisierung hat dazu geführt, dass ein Leben ohne (Massen-)Medien gar nicht mehr denkbar ist, und unser Leben stark von ebendiesen beeinflusst wird. Ebenfalls prägend für die heutige Gesellschaft ist eine forcierte Ökonomisierung verschiedenster Lebensbereiche. Der Vermarktungs-Gedanke ist allgegenwärtig: Es gibt nichts mehr umsonst, sondern überall will man möglichst viel Geld verdienen. So auch mit Ritualen. Die Medien greifen entsprechende Sinnstrukturen auf und vermarkten sie. Konsumstile werden erschaffen und anschliessend bedient. So etwa Musikszenen wie die Hip-Hop-Szene. Der Einzelne zelebriert sich durch Selbstinszenierungen, welche sich an medialen Vorbildern orientieren. Insbesondere das Internet bedient das heutige Bedürfnis nach Selbst-Charismatisierung. Dadurch, dass das Medium sowohl Massen- als auch Individualmedium ist, kann sich der Einzelne für die Masse inszenieren. Individuen vollziehen online rituelle Handlungen, mit dem Ziel, berühmt und erfolgreich zu werden.
«Was aber, wenn ich weder im Turn- oder Schützenverein bin, kein Internet habe und auch nicht religiös bin?», fragte ein interessierter Hörer aus dem Publikum und eröffnete die Diskussionsrunde. «Muss ich ohne Rituale auskommen?» Walter Leimgruber verneinte. Rituale hätten in der heutigen Zeit nichts von ihrer Bedeutung eingebüsst und entsprechend Vielfältig sei ihr Vorhandensein. Beispielsweise könne auch ein simpler Gang zur Kneipe zum Ritual werden. Nach wie vor sind Formen der kollektiven Rückversicherung sehr wichtig in der Gesellschaft. «Keine Gruppierung kann ohne Rituale existieren», fügt der Kulturwissenschaftler weiter an. Jedoch würden sich Rituale in der modernen Gesellschaft von traditionellen Ritualen, wie man sie früher kannte, unterscheiden. Statt einer verbindlichen Linie, wie sie zum Beispiel vom Christentum vorgegeben wurde, sind die Menschen heute mit einer Vielzahl unterschiedlicher Angebote konfrontiert. Dies ermöglicht zwar ein gewisses Mass an Wahlfreiheit, jedoch ist der Mensch zur ständigen Selektion gezwungen. Werte und Normen sind nicht mehr vorgegeben, sondern müssen selbst ausgesucht werden. Dies kann eine Überforderung darstellen. Und so zeige der momentan starke Zulauf zu traditionellen Gemeinschaften, wie zum Beispiel Schützen- oder Jodlervereinen, dass Menschen sich nach Traditionellem und Gemeinschaftlichem sehnen.
«Brauchen wir also wieder mehr strukturierende Rituale in unserer modernen Gesellschaft?», kommt die Nachfrage aus dem Publikum. Klaus Neumann-Braun verweist zur Beantwortung der Frage auf den Soziologen Hans-Georg Soeffner und dessen Werk „Gesellschaft ohne Baldachin“. Heute kann man nicht mehr ein umfassendes Sinngefüge konstruieren, in dem alle und alles ihren Platz haben. Zu unterschiedlich sind die Interessen der einzelnen Gesellschaftsmitglieder und zu verschieden die jeweiligen Rituale. Jürgen Mohn fügt an, dass man gar von einer Inflation von Ritualen sprechen kann. Gebe man zum Beispiel auf Amazon das Stichwort „Ritual“ ein, so erhalte man über 2′500 Bücher zum Thema vorgeschlagen. Um aus diesem Angebot auszusuchen, fehle jedoch den meisten Menschen die Kompetenz.
Doch so verschiedenartig moderne Rituale auch sind, so sind sich alle Referenten einig, der Mensch braucht sie. Dies, auch wenn es unserem modernen Selbstverständnis des rationalen und eigenständigen Menschen eigentlich widerspricht – Rituale sind nicht nur notwendig, sondern auch gefragt, sei es im Internet, in der Kirche oder im Schützenverein. Der Zweck der Rituale ist überall der gleiche: Vergemeinschaftung, Orientierung, Integration und Sinngebung.
Mit dieser Erkenntnis kommt die Veranstaltung zum Schluss. Ein weiterer Sonntagnachmittag am Totengässlein geht zu Ende: Der bis auf den letzten Platz gefüllte Hörsaal leert sich, leere Kaffeetassen und Kuchenteller bleiben zurück, die Gänge füllen sich mit Gesprächsfetzen und Gelächter, im Hof warten bereits die Kinder, um den Eltern von ihren Erlebnissen im „KindsLab“ zu erzählen.
Ein schönes Ritual, das Café Scientifique.

