Jetzt ist sie gestartet: die wöchentliche Wissenschafts-Doppelseite in 20 Minuten. Interessant und vieldiskutiert ist die Produktion bzw. Finanzierung des Inhalts. Die Texte schreiben nicht 20min-Redakteure, sondern ein Autorentrio der Agentur scitec-media, welches wiederum von der Gerbert Rüf Stiftung und von der Stiftung Mercator Schweiz finanziert wird. Dieses Modell ist ein Novum in der Wissenschaftsberichterstattung in der Schweiz.
In der zugehörigen Medienmitteilung heisst es: «Die Entflechtung von Geldgeber und Redaktion ist für uns sehr wichtig» sagt 20-Minuten-Chef Boselli. «Nur so ist die journalistische Unabhängigkeit gewährt.» Das stimmt. Interessenskonflikte bestehen jedoch bei der Agentur scitec-media, die verschiedenste Projekte am Laufen hat, etwa mit der Interpharma oder dem NFP 59 über „Nutzen und Risiken der Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen“.
Ist dieser Agenturjournalismus ein Skandal? Kaum. Das Medien-Idyll vom völlig unabhängigen Journalisten gab es wohl noch nie. Freie JournalistInnen, auch WissenschaftsjournalistInnen, schreiben üblicherweise nicht nur für Zeitungen, sondern auch für Firmen, Behörden,… Die Löhne von Tagesanzeiger, Weltwoche und Co sind so tief, dass freischaffende JournalistInnen fast gezwungen sind, sich auch ausserhalb der Medienwelt zu engagieren. Diese „Ich-AGs“ sind dabei finanziell noch verletzlicher als eine Agentur.
Auch Redaktionen – ob das Marco Boselli mit seinem Quote andeuten wollte? – sind nicht durch meterdicke Schutzschilde von der wirtschaftlichen Realität abgeschirmt. Eine Zeitung verdient ja vor allem an der Werbung; Gratiszeitungen sind zu 100% so finanziert und damit von grossen Firmen abhängig.
Wichtig ist die Transparenz. Während die Leserschaft kaum etwas erfährt über die Abhängigkeit freier JournalistInnen von anderen Kunden oder über die Grosskunden einer Zeitung, deklariert die Doppelseite in 20min sowohl beide Stiftungen als auch die Agentur scitec-media. Vorbildlich.
Die kreative Zeitungsproduktion ist also weniger ein Skandal als ein journalistisches Trauerspiel. Wiederum aus der Medienmitteilung: „Populär aufbereitete Berichte über Forschung und Wissenschaft stossen bei den Lesern auf grosses Interesse, sagt Marco Boselli.“ Toll. Wenn dies aber so ist, weshalb kann dann 20min diese Redakteure nicht selbst anstellen? Blick am Abend schafft dies schliesslich auch.
Für die (Schweizer) Wissenschaft ist die Doppelseite dennoch ein Gewinn, verdauen nun doch wöchentlich Hunderttausende zumindest ein paar Happen Wissenschaft. Die ersten Top-Stories sind die werdende Marsonautin Barbara Burtscher, das jurassische Bio-Auto und der Mittagsschlaf von Bundesrat Maurer. Mein Wunsch: mehr Grundlagenforschung, mehr Laborleben und mehr Wissenschafts-Kontroversen.

