Wissenschaft kann politisch engagiert sein. Das haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz „Images of illegalized immigration“ und auch der Keynote-Speaker W. J. T. Mitchell vorgeführt. Mitchell, einer der Gründer der Bildtheorie, sprach am 31. August an der Universität Basel zu „Migration, Gesetz und das Bild“.
Mitchell sieht viele Parallelen zwischen Bildern und Migrierenden. Auch Bilder würden sich von einer Umgebung zur nächsten bewegen, sagt er. Manchmal schlagen sie Wurzeln, manchmal ziehen sie weiter wie Nomaden. Das Gesetz versucht sowohl bei Bildern wie bei Migrierende, die Verbreitung zu verhindern. Dabei liessen sich die Gesetze gegen Migrierende viel besser durchsetzen als jene gegen Bilder, sagt Mitchell. Bilder seien schneller als Migrierende und kommen vor ihnen an, etwa als Stereotypen.
„Wir teilen alle eine Ideologie“, sagt Mitchell. Die meisten hier seien wohl Liberale und eher links. Gerade der Liberalismus jedoch ist ratlos gegenüber der Migration. Mitchell zitiert Phillip Cole: „Die liberale politische Philosophie endet an der nationalen Grenze.“ Stärker noch als die Worte zeigt ein Titelbild auf einem von Coles Büchern das Dilemma. Ein britischer Beamter malt 1947 in Berlin die Grenze zwischen dem Sowjetischen und dem Britischen Sektor mit weisser Farbe auf die Strasse. Mitchell: „Die Banalität dieses Bildes von ‚illegalisierter’ Migration kommt zusammen mit der Schicksalshaftigkeit für die Weltordnung zwischen 1945 und 1989.“ Er vergleicht den Status von Migrierende mit jenem der „unlawful combatant“ – einem Konstrukt der Bush-Regierung. „Beide sind gleichzeitig dem Gesetz unterstellt und von ihm ausgeschlossen“, sagt Mitchell.
Mitchell zeigt, schildert und interpretiert eine ganze Palette von Migrationsbildern. Vom Science-Fiction-Film „District 9“, der die Kollision von liberalen Ansätzen mit der Realität besonders anschaulich inszeniert. „District 9 entwickelt sich wohl zu dem, was Matrix für die 90er Jahre war – eine Allegorie von kollektiven globalen Ängsten“, sagt Mitchell. Über israelische und palästinensische Filme. Bis zur von der kubanischen Künstlerin Tania Bruguera gegründeten „Partei der Immigrierenden“. „Wenn der Führer der ‚freien Welt’, Obama, als illegaler Immigrant bezeichnet wird (so geschehen im Wahlkampf), dann ist eine Partei der Immigrierenden vielleicht gar nicht so weit weg“, sagt Mitchell.
Seine Aussagen sind spitz: Das amerikanische Immigrationsgesetz bezeichnet er als institutionalisierte Form von Rassismus. In Palästina würden die Bewohner zu illegalisierten Immigranten im eigenen Land gemacht. In der Diskussion wurde heftig darüber diskutiert.
Wohl überraschender war für Mitchell ein anderer Einwand. Zu Beginn hatte er das Problem der Migration, diesen konstanten Zustand von Ungerechtigkeit, als unlösbar bezeichnet. Eine Zuhörerin protestierte. Man soll das Öffnen der Grenzen nicht von Beginn weg von den Überlegungen ausschliessen. Mitchell meinte, er sei möglicherweise selber in seinen eigenen Bildern gefangen. Neue Bilder seien gerade deshalb so wichtig, weil sie Denkräume eröffnen können für Szenarien einer Welt mit offenen Grenzen.

