Auf dem Berg der Wahrheit, dem Monte Verità über Ascona, haben gut 40 Wissenschafterinnen und Wissenschafter vom 21. bis am 26. Juli nach „der Rolle der Universität in unserer Zeit“ gesucht. Kritisiert wurden die krakenhaften Umarmungen durch die Wirtschaft, das schwindende Vertrauen in die Wissenschaft, die Rankings und vieles mehr – und zwar von Professoren aus Israel genauso wie von jenen aus Russland, den USA oder der Schweiz. Die Universität bzw. die Wissenschaft scheint weltweit in einer Identitätskrise zu sein. Wie konnte dies in der vielgepriesenen Wissensgesellschaft passieren?
Klar ist, die heroische Phase der Wissenschaft ist vorbei. In den vergangenen drei Jahrhunderten konnte sich die moderne Wissenschaft auf den Nutzen, den Fortschritt, für die Menschheit berufen, meint etwa der russische Altertumswissenschafter Dmitri Panchenko. Yaron Ezrahi, Politikwissenschafter aus Israel, sieht die Banden zwischen dem früher starken Zweiergespann Wissenschaft und Politik geschwächt: „Die Hoffnungen von Politikern und der Gesellschaft insgesamt auf ein besseres Leben ruhen immer weniger auf der Wissenschaft.“ Dies habe dazu geführt, dass die Politik immer weniger von der Wissenschaft wolle und ein Vakuum hinterlassen habe, das die Wirtschaft rasch kolonialisiere, sagt Ezrahi.
Vieles hat dazu beigetragen: das Wissen an sich wurde relativiert, Technologien werden heute kontrovers beurteilt – auch innerhalb von Disziplinen. Nach Ezrahi ist die Wissenschaft als solche auch immer weniger als Einheit wahrnehmbar und unterscheidbar etwa von Experten aus der Wirtschaft, aus Think Tanks, von Anwälten und anderen. „Vor allem aber wird heute am ehesten der Wirtschaft zugetraut, die Zukunft zu gestalten“, sagt Ezrahi.
Für den Soziologen Richard Münch von der Universität Bamberg wird die Wissenschaft durch verschiedene Trends geschwächt. „Wissenschaft heisst vor allem Innovation und dies geschieht am effizientesten in kleinen Gruppen“, sagt Münch. Die Exzellenzinitiative in Deutschland mache mit ihrer Kompetenzbündelung das Gegenteil. Dadurch werde die Konkurrenz gemindert und es entstünden teilweise Monopole, kritisiert Münch. Ähnliche Strukturveränderungen gibt es in vielen Ländern – in der Schweiz sind es die Nationalen Forschungsschwerpunkte. „Wir bräuchten vermutlich so etwas wie eine Wettbewerbskommission für die Wissenschaft“, sagt Münch.
Münch möchte nicht Strukturen zusammenfassen, sondern diese sollen flexibler werden. „Wir müssen den Mittelbau abschaffen“, fordert er. Heute müssen sich junge Forschende während eines Grossteils ihrer Karriere einem Lehrstuhl unterordnen und damit innerhalb einer traditionellen Disziplin heranwachsen. Wie in den USA sollen Forschende viel schneller unabhängig arbeiten und neue Disziplinen schaffen können. „In diesen neuen Disziplinen, die meist in den USA entstehen, passiert heute die meiste Innovation“, sagt Münch. Es braucht also nicht mehr Interdisziplinarität, sondern mehr Flexibilität.
Wichtig ist für ihn auch eine Kultur des Scheiterns. „Um innovativ zu sein, muss man Risiko eingehen und scheitern dürfen“, sagt Münch. Leistungsindikatoren wie der Impact Factor belohnen aber jene, die angestammte Gebiete weiterentwickeln. Völlig Neues in Gebieten, in denen noch gar niemand arbeitet, wirft schliesslich zu Beginn kaum Zitate ab.
Die Frage nach einer effizienten Forschung ist jedoch eine andere als jene nach der Rolle der Universität. Die verschiedenen Initiativen sind jedoch ein Ausdruck dessen, was Panchenko betont: „Regierungen haben heute keine klare Idee darüber, was die Wissenschaft bringen soll.“ Ich habe ihn nach dem Vortrag gefragt, wie denn ein neuer Ansatz aussehen könnte. Panchenko gab offen zu, das wisse er auch nicht. Er glaube aber, dass in den Bereichen Umwelt und Gesundheit neue Aufgaben für die Wissenschaft und die Universitäten bereitliegen könnten.
Soll die Universität vor allem die Fachkräfte für unsere Dienstleistungsgesellschaft ausbilden? Soll sie Innovationen produzieren? Soll sie durch die Kultur der Debatte die Demokratie stützen? Trotz engagierter Diskussionen – und die meisten Punkte sind hier nicht dargestellt: Neue Entwürfe der Rolle der Universität konnte man auf dem Monte Verità nicht erwarten. Aber ein etwas in Vergessenheit geratener Wert kam mit aller Kraft zum Vorschein. Der Untertitel der Konferenz hiess „die Nachlassenschaft von Joseph Ben-David als Wegweiser für die heutigen Herausforderungen.“ Ben-David war ein herausragender Soziologe – und offenbar ein mindestens so guter Lehrer. Viele seiner Schülerinnen und Schüler waren anwesend und berichteten eindrucksvoll von der Förderung, die sie schon früh erhielten. Auch heute wäre wohl etwas mehr Vertrauen in die Urteilskraft und die Initiative Einzelner angebracht – statt in abstrakte Evaluationen.
Für mich ist eine zentrale Frage, wie offen die Wissenschaft sein soll. Heute sollen Wissenschafter möglichst Manager (von Start-ups) werden und vor allem gute Kommunikatoren sein. Vielleicht wäre es aber auch sinnvoll, die Uni wieder mehr als Freiraum für Verrücktes und Gewagtes einzurichten – eine isolierte Spielwiese, die gewisse Charakteristika von Klöstern hätte. Ein Rektor einer Schweizer Universität meinte dazu an anderer Stelle: „Manchmal ist etwas Elfenbeinturm gar nicht schlecht.“
Organisiert wurde die Konferenz von Markus Christen, Universität Zürich, Michael Hagner, ETH Zürich, Marcel Herbst, 4mation, Liah Greenfeld, Boston University, und Kijan Malte Espahangizi, ETH Zürich.


Schön, dass auf dem Monte Verità soviel gedacht wird. Aber Neues kann ich den Zeilen nicht entnehmen.
“Krakenhafte Umarmung durch die Wirtschaft” halte ich aber für eine gar überspitzte Metapher. Sind die armen Universitätsforscher die hilflosen Garnelen, die von den Tentakeln gefangen und dann genüsslich von der Krake verspeist werden. Unter uns: Es ist manchmal einfacher, sich als Opfer zu sehen, als sich mit veränderten Situationen abzugeben. In meiner Praxis nehme ich die Umarmungsversuche der Wirtschaft in gewissen Wissenschaftsbereichen (längst nicht alle!) als eher bescheiden wahr. Vielmehr ist es die Politik und die Gesellschaft, welche von den immer teureren Universitäten einen wirtschaftlichen Output erwarten. Ob zu recht oder zu unrecht, muss diskutiert werden.
Dann zum “schwindenden Vertrauen der Gesellschaft” in die Wissenschaft. Das Vertrauen ist ja spätestens seit der Atombombe angeschlagen. Seit den 80er-Jahren sprechen Wissenschaftssoziologen von der Neuverhandlung des Gesellschaftsvertrags mit der Wissenschaft (Renegotiation of the social contract with science). Dennoch sind Wissenschafter immer noch viel vertrauenswürdiger als Politik, Polizisten, Journalisten und die Industrie…
Und zuletzt noch dies. Eine alte Weisheit besagt: Innovation entsteht an den Rändern, nicht im Zentrum. Auch diese Erkenntnis ist gewiss nicht neu.