Der gute alte Darwin schlägt sich weiterhin tapfer. Auch nach unzähligen Veranstaltungen anlässlich seines 200. Geburtstages wird er nicht müde und lockte er über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer ins Café Scientifique am 14. Juni in Basel. Dieter Ebert vom Zoologischen Institut der Universität Basel stellte zu Beginn auch klar, dass die Evolutionsbiologie ein Boomfach ist: „Mitte der 80er Jahre haben mir Professoren davon abgeraten. Seit wir jedoch die Evolution anhand des genetischen Codes verstehen können, boomt die Evolutionsbiologie.“ Und in Echtzeit beobachten lasse sich Evolution nur bei Mikroorganismen, begründet Urs Jenal, Mikrobiologe am Biozentrum Basel, seinen Auftritt auf einem Darwin-Podium.
Eine Teilnehmerin wollte wissen, wie Darwin erklären könne, dass die Evolution immer schneller voranschreite. „Es gibt keine Beschleunigung der Evolution“, sagt Ebert. Alle Untersuchungen würden zeigen, dass die Evolution im Präkambrium bereits gleich schnell verlief wie heute. Allerdings gebe es Erfindungen, welche die Evolution beschleunigten, ergänzt Jenal. Eine dieser Erfindungen sei die Sexualität, welche die Kombination von unabhängig entstandenen Merkmalen erlaube. Für Markus Noll vom Institut für Molekulare Biologe der Universität Zürich erhöht zudem der Mensch, die Zivilisation, den Selektionsdruck und beschleunigt damit die Evolution. Ebert verweist auch auf die kulturelle Evolution, die es neben der genetischen Evolution gebe. Bei der kulturellen Evolution ist nicht die DNA die Erbsubstanz, sondern das Wissen. „Kulturelle Evolution ist relativ neu, jedoch nicht auf den Menschen beschränkt“, sagt Ebert.
Ein Teilnehmer richtete den Blick in die Zukunft: „Bisher waren die Änderungen zufällig. Was bedeutet es für die Evolution, wenn wir nun Bakteriengenome künstlich herstellen können?“ Noll stellt klar, dass die Evolution nicht zufällig ist, jedoch aus zufällig entstandenen Mutationen selektioniert. Für Ebert lässt sich die Evolution bedingt gar vorhersagen. Jenal hält es für zwingend zu klären, ob die so genannte Synthetische Biologie gefährlich sei.
„Werden Organismen immer besser?“ war die nächste Frage. Ebert verneint dies klar und führt ein Beispiel an. So konnten vor 8000 Jahren nur Kleinkinder Milchzucker verdauen, heute sind auch Erwachsene dazu in der Lage. „Das ist eine Verbesserung, aber nur, wenn eine Landwirtschaft da ist, die Milchprodukte produziert“, sagt Ebert. Ob Veränderungen gut oder schlecht sind, liesse sich nicht allgemein, sondern nur im Lichte der Umwelt sagen.
Wenn nicht besser, werden sie zumindest komplexer? „Ja, dies muss so sein“, sagt Ebert. Das Leben habe schliesslich einfach begonnen. Der Trend geht Richtung Komplexität, dies kann sich jedoch gelegentlich auch umkehren. So hätten Menschenaffen die Fähigkeit verloren, Vitamin C zu produzieren und Parasiten haben die Tendenz, sich zu vereinfachen und immer mehr Arbeit dem Wirt zu überlassen.
Weshalb ist das Leben in der Zwischenzeit nicht erneut entstanden? „Das Leben ist in nur 100 Millionen Jahren entstanden, also unglaublich rasch“, sagt Noll. In der Vorphase habe es vermutlich mehrere Formen gegeben. Eine hat sich jedoch durchgesetzt und das heutige Leben stammt von einem Vorfahren ab. „Wenn das Leben einmal verbreitet ist, können sich kaum neue Formen entwickeln und durchsetzen“, begründet Noll die Tatsache, dass es heute nur eine Variante gibt.
Die entscheidende Frage kam gegen Schluss: „Wird sich der Mensch beständig weiterentwickeln oder stirbt er aus?“ Das könne niemand beantworten, stellt Ebert klar. Manchmal würde behauptet, der Mensch schalte die Selektion aus, was aber nicht stimme. So überleben heute Kinder mit einem Geburtsgewicht von 800 Gramm und auch ganz schwere können per Kaiserschnitt zur Welt kommen. Damit fehle natürlich ein Selektionsdruck auf ein früher nötiges Mittelmass von um 3,5 Kilogramm. „Im Dschungel wäre diese Entwicklung ein Problem, in unserer Gesellschaft aber nicht“, sagt Ebert. Für Noll ist es eine offene Frage, ob unser grosses Gehirn sich als erfolgreiche Erfindung herausstellen wird. „Diese Erfindung übt zur Zeit einen starken Selektionsdruck auf andere Arten aus. Vielleicht führt sie letztlich auch zum Aussterben von uns selbst“, sagt Noll.

