Der Sportphysiologe Urs Boutellier von der ETH Zürich nahm den Teilnehmerinnen und Teilnehmern am Café Scientifique Basel vom 10. Mai gleich zu Beginn alle Illusionen. „Was ist Ihrer Meinung nach Doping?“ fragte er in die Runde. Bemerkte man sein süffisantes Lächeln in den Mundwinkeln, konnte man die Antwort, die er dem Publikum nach dessen umständlichen Versuchen offenbarte, erahnen: „Es gibt keine Definition!“
Tatsächlich habe die Dopingkontrolle seit ihren Anfängen in den 50er Jahren einem Schlangenweg gefolgt, führt Nadja Mahler vom Bundesamt für Sport aus, selbst erfolgreiche Volleyballerin. Die Definition musste alle paar Jahre angepasst werden und ist nun 2004 im Welt-Antidoping-Code aufgegangen. Darin sind 3 Kriterien aufgeführt und wenn 2 davon zutreffen, kann es Doping sein. Die Kriterien: 1. potenziell leistungsfördernd 2. kann die Gesundheit schädigen 3. widerspricht der Ethik im Sport.
Die Substanzen und Methoden, die aber wirklich als Doping gelten, sind schlicht und einfach in der Dopingliste aufgeführt, welche die Welt-Antidopingagentur jährlich veröffentlicht. Was Doping ist, wird damit zur gesellschaftlichen Abmachung im Einzelfall. Und Doping ist nicht einmal im strafrechtlichen Sinn strafbar, zumindest wenn der Athlet es nicht untergejubelt kriegt: „Das gehört zum Selbstbestimmungsrecht“, stellt Stephan Netzle klar, tätig am Internationalen Sportgerichtshof in Lausanne und Weltmeister im 4er Rudern. Die Sportverbände machen ab, was Doping ist und dies hat über den Sportbereich hinaus keine Bedeutung.
Das Publikum versuchte immer wieder, das Gebiet auszuweiten und über Doping im Alltag zu diskutieren – angeregt durch den Veranstaltungstitel „Superman in Sport und Alltag – Werden wir alle gedopt?“. Ritalin, Testosteron, Nahrungsmittelzusätze als Stichworte. Die Ansätze mussten verpuffen. Boutellier: „In der Kunst wird auch gedopt. Es soll Maler geben, die sind nur gut, wenn sie besoffen sind. Beim Betrachten eines Bildes fragt sich aber niemand, ob der Künstler irgendetwas eingenommen hat. Dies wird auch nicht verurteilt.“ Auch bei Studenten habe es eine Zeit gegeben, da waren viele „beta-blockiert“, sagt Boutellier. Er habe das sofort gemerkt, dagegen vorgegangen sei aber niemand.
Die Dopingdebatte hat viele Parallelen zur Diskussion um die Perfektionierung des Menschen (siehe „Verlasst euch bei Enhancements nicht aufs Bauchgefühl!“) Der Sport ist wohl der erste Bereich, in dem man versucht, Enhancements des Menschen, als Verbesserungen, durch ein Regelwerk zu unterbinden. Dabei ist die Definition von „normal“ im Sport besonders schwierig: „Spitzensportler weichen physiologisch fast per Definition von der Norm ab. Wegen der natürlichen Variation ist es deshalb im Einzelfall möglich, dass jemand mit natürlich hohen Testosteronwerten oder einem hohen Hämatokritwert (Anteil roter Blutkörperchen) fälschlicherweise in den Kontrollen hängenbleibt“, sagt Boutellier. Eine aufkommende Lösung dazu sei ein so genannter Blutpass, wie Mahler ausführt. Dabei würden von Sportlern, wenn sie noch Jungathleten sind, Blutprofile angelegt – was normal ist, wird so für jede Person einzeln definiert.
Wie bei Antiaging-Produkten und anderen Enhancements, die heute schon angeboten werden, bringen auch viele Dopingmethoden gar nichts. „Es gibt keine systematische Entwicklung von Dopingmitteln“, stellt Boutellier klar. Wenn etwas wirke, seien das stets Zufallsbefunde. Das ganze Gebiet sei geprägt von Naivität der Athleten, von Wunschdenken und von Gurus, die alles Mögliche behaupten. Für Netzle ist zudem der Druck entscheidend, der auf Athleten lastet, die „nichts anderes gelernt haben, als Rad zu fahren“.
Gerade wegen dieser „Unprofessionalität“ sind die ReferentInnen überzeugt, dass die Kontrollen Wirkung zeigen und der Realität nicht stets hoffnungslos hinterherhinken. Gendoping etwa werde bereits prophylaktisch auf der Dopingliste geführt, obwohl noch niemand wirklich wisse, was man damit machen könne, sagt Boutellier.
Die Bereitschaft jedoch, sich zu dopen, ist bei vielen Spitzensportlern vorhanden. Boutellier führt Untersuchungen aus den USA an, bei denen Sportler gefragt wurden, ob sie ein Wundermittel einnehmen wollen, mit dem sie sicher gewinnen, aber genauso sicher in 10 Jahren sterben. Zumindest in diesen sehr theoretischen Tests waren rund 40 Prozent bereit. Es stellt sich somit die Frage, was passiert, wenn die biomedizinische Forschung wirklich effektives Doping – und wirklich effektives Enhancements – möglich macht. Ich denke, das Dopingregelwerk wird sich wohl weiter schlängelnd entwickeln müssen.

Die ausgeklügelten Fläschchen für die Urinprobe wurden in der Schweiz entwickelt und werden auch hierzulande produziert.

