Ungelöste Probleme in Erwartung einer nanomedizinischen Lösung, so der Titel des ersten Blocks. Es sprechen Gerhard Schuler, Mediziner der Universität Leipzig, Albert Ludolph von der Universität Ulm, Alan Tyndall von der Klinik für Rheumatologie an der Universität Basel, Andrew Lotery vom Southampton Krankenhaus und Alessandro Martini von der ORL Klinik in Ferrara.
Schuler erzählt von einem 43-Jährigen, der völlig gesund schien und plötzlich kollabierte. Viren griffen sein Herz an. Die Ursache von Myokarditis sind laut Schuler oft Viren, v.a. das Parvovirus B19. Je mehr Viren, desto schlechter die Aussicht des Patienten. Kann man also die Virenbelastung senken, verbessern sich die Aussichten. Bis anhin gibt es aber keine Therapie, welche die Virenbelastung senkt. Der Vorsitzende des Teils, Peter Meier-Abt von der Universität Basel, fragte Schuler, was er nun von der Nanomedizin erwarte. Antwort: Darauf erhoffe ich mir Antworten von ihnen, so Schuler.
Die Gruppe von Ludolph entwickelte als erste ein Mausmodell für die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS). Trotz vieler toller Publikationen und Therapieansätzen – bislang funktionierten alle nicht beim Menschen. Ein Grund könnte sein, das die Bluthirnschranke von Mäusen und Menschen ziemlich verschieden ist. Zentraler Teil der Bluthirnschranke sind die Endothelzellen, die eng miteinander verbunden sind. Was kommt durch? Gasmoleküle, kleine lipophile Moleküle; aber grosse, wasserlösliche Moleküle sind meist blockiert. „Wie können wir die Bluthirnschranke überwinden?“, fragt Ludolph. Heute spritze man die Substanzen direkt in die Hirnflüssigkeit. Dies ist jedoch sehr belastend. Zudem werden Substanzen rasch abgebaut und diffundieren nur sehr langsam ins Gehirn. Ludolphs Wunsch: Nanopartikel, um Wirksubstanzen durch die Bluthirnschranke zu bringen.
„Wir dachten lange, Autoimmunität entstehe, wenn spezifische T-Zellen nicht eliminiert werden, welche Teile des eigenen Körpers erkennen und angreifen“, sagt Tyndall. Das scheine aber nur ein Teil der Wahrheit sein. Tyndall zeigt eine Patientin mit Rheumatischer Arthritis, die auf die gängigste Therapie mit Blockern des Signalmoleküls TNF nicht ansprach. Das Problem ist ihr innäres Immunsystem. Es werden immer mehr genetische Mutationen im innären Immunsystem entdeckt, die zu autoimmunären Krankheiten führen.
Lotery gibt einen berauschenden Einblick in mögliche Nanoapplikationen zur Heilung der Makula-Degeneration. Die Krankheit grassiert als stille Epidemie, sagt Lotery. Jeder 3. mit 75, jeder 2. mit 85 ist betroffen. Das Problem sind meist Blutgefässe, die in die Netzhaut reinwachsen und eine Vernarbung auslösen. Mit Blockern des Wachstumsfaktors VEGF lässt sich die Krankheit bremsen und gar leicht verbessern. Das Problem: Dies braucht eine monatliche Spritze ins Auge! Lotery zeigt ein Video, bei dessen Anblick einem kribbelig wird. „Wir brauchen Nanocarriers“, sagt Lotery. Es gebe bereits Ansätze mit Photosensitizern gefüllten Nanocarriern, die mit Laserlicht aktiviert werden. In ersten Versuchen konnte so das Wachstum der Blutgefässe und die Vernarbung gebremst werden. In anderen Formen der Makulären Degeneration ist der Verlust der Netzhaut das Problem. Da erhofft sich Lotery Lösungen mit Polymer-Kügelchen, über die Stammzellen ins Auge gelangen. Zudem gibt es ermutigende Resultate mit Gentherapien. Lotery zeigt das Video eines Patienten, der sich in einem abgedunkelten Raum nur tastend fortbewegen kann. Sechs Monate nach einer gentherapeutischen Intervention, betroffen ist das Gen RP(65), hat sich das Sehvermögen des Patienten derart verbessert, dass er sich sicher bewegen kann. Auch für die Verabreichung des Genmaterials erhofft sich Lotery Nanocarriers. Eine weitere Nanoanwendung wäre die Nachbildung der Bruch-Membran, ein strukturelles Gewebe, das in einigen Patienten beschädigt ist. Wichtig wären auch Nanobiosensoren, schliesst Lotery seine Wunschliste ab.
Wie rar die Zellen im Inneren Ohr sind, zeigt Martini. Es gebe nur 3500 Neuronen im inneren Ohr und 12.000 Zellen im äusseren Ohr. Diese Zellen, einmal verloren, werden nicht ersetzt. So könne etwa übermässiger Lärm zur Zerstörung dieser Zellen führen. In Mäusen erreichte die Gruppe, dass sich Stammzellen, gespritzt in den Schwanz, in der Cochlea einnisteten. Wir erwarten viel von nanotechnologischen Lösungen, sagt Martini. So sei es heute noch schwierig, um Medikamente ins Innere Ohr zu bringen. Zudem fehlen gute bildgebende Verfahren, um die Gesundheit der Neuronen abzubilden. Er wird gefragt, ob altersabhängige Hörschäden zunehmen. Martini: „Das Problem sind die ständigen Lärmquellen. So wird geschätzt, dass 5 Millionen Menschen unter 50 einen Hörschaden wegen ipods haben werden.“
Am Nachmittag werden aufkommende Nanotechnologien zur Lösung dieser Probleme vorgestellt…

