Am Café Scientifique vom 5. April in Basel stand sie im Mittelpunkt: die KRISE. „Das Ungeheuer mit vielen Köpfen“, wie Heinz Zimmermann, Wirtschaftswissenschafter der Uni Basel sie nennen wird. Ist die Krise wirklich ein solches Naturmonster? Sind die „Spekulationsblasen“ und „Krisen“ mit Hurrikanen vergleichbar, so wie es in der Ankündigung des Anlasses steht?
Naturkatastrophen zeichnen sich durch einige Merkmale aus:
- Sie kommen immer wieder.
- Man kann sie erklären, man kann Frühindikatoren erkennen, Risiken minimieren, aber man sie kaum verhindern.
- Niemand ist schuld.
- Sie können jeden Treffen.
Sie kommen immer wieder
Daniel Heller, Bank für Internationalen Zahlungsausgleich: „Blasen gibt es immer. Blasen werden nie aussterben.“
Zimmermann: „Der Nutzen, was wir aus einer Krise lernen, ist beschränkt, weil wir immer hinterher hinken. Wir kommen immer eine Periode zu spät. Das ergibt eine Konjunktur der Krisen.“
Man kann sie erklären
Heller: „Die Krise ist eine Folge von falschen Anreizen. Private in den USA konnten sich zu günstigsten Konditionen ein Haus leisten. Jene, welche die Hypotheken verkauften, verdienten mit jedem Abschluss, unabhängig davon, ob die Schulden später beglichen wurden. Die Banken konnten ihre Risiken leicht über Verbriefungen verteilen. Und letztlich haben auch wir Sparer uns gefreut, dass die Aktien ständig gestiegen sind.“
Heller: „Anfang der 90er Jahre haben Banken begonnen, Hypokredite zu verbriefen und damit die Risiken zu verkaufen. In der Folge wurden die Regeln derart verändert, dass Banken kaum noch Eigenmittel brauchten, um Risiken zu tragen.“
Zimmermann: „Entscheidend waren dabei die Ratingagenturen. Ohne die Agenturen gäbe es diese Verbriefungen nicht. Es waren die Agenturen, welche die Strukturierung der Produkte vorgenommen hatten; die Produkte, die sie danach bewerteten. Damit verdienten die Agenturen sehr gut.“
Zimmermann: „Das Problem ist, dass die Verbriefungen nicht Teil von Märkten sind. Damit sind die Ungleichheiten unsichtbar. Es gibt ein Koordinationsproblem. Bei diesen ausserbörslichen Derivatgeschäften haben die Banken Konzepte im Hinterkopf, wie sie mit Risiken umgehen. Aber sie haben sie eben im Hinterkopf, unsichtbar. Wenn dann ein Problem eintritt, reagieren alle gleich.“
Zimmermann: „Die Wissenschaft ist sehr spezialisiert. Ein Grund für die Krise ist, dass viele Leute das ganze Bild nicht mehr sehen.“
Man kann Frühindikatoren erkennen
Heller: „Wir sahen, dass die Risiken wuchsen, aber wenig Eigenmittel vorhanden waren. Es war klar, es kommt etwas, wir kannten aber den Auslöser nicht.“
Heller – und danach auch Zimmermann: „Man sah dunkle Wolken aufziehen.“
Heller: „Wir haben in einem Report die Risiken thematisiert. Daraufhin haben wir vom Finanzsektor Briefe erhalten, wir würden nichts von den Risiken verstehen. Wir waren vor der Krise vielleicht halbblind, die Banken aber waren ganz blind.“
Niemand ist schuld
Heller: „Ich glaube, man kann nicht sagen, wer schuld ist.“
Zimmermann: „Wir sind alle etwas mitschuldig.“
Am Ende des Café Scientifique habe ich Heller gefragt, ob er Möglichkeiten sieht, ein wirksames Frühwarnsystem für Krisen aufzubauen? Er gab mir zu verstehen, dass er sich davon nicht allzu viel erhoffe. Generell war auffallend, dass im Café kaum darüber gesprochen wurde, wie man solche Krisen künftig verhindern könnte. Gerade die Experten zeigten dafür wenig Interesse. Weshalb eigentlich?
Beim Hinausgehen stellte ich mir dann die Frage, ob Wirtschaftskrisen Naturkatastrophen seien. Diskutiert wurde sie im Café nicht; für mich ist sie aber entscheidend. Bei Naturkatastrophen kann ich akzeptieren, dass sie einfach ab und zu kommen. Ich habe den Eindruck, dass wir es uns anlässlich von Wirtschaftskrisen in einem Fatalismus bequem machen. Dies erzeugt eine Ohnmacht, ein Erdulden, und es verhindert tiefgreifende Konsequenzen. Werden deshalb Wirtschaftskrisen – und der Kapitalismus an sich – „absichtlich“ naturalisiert? Ich habe die Antwort nicht.
Diese Ohnmacht schön dargestellt hat Urs Stäheli vom Institut für Soziologie in Basel. Er bezeichnete die jetzige Phase der Krise als „Moment der Sprachlosigkeit“; vergleichbar mit der Situation, wenn ein Kind zu Boden fällt und man nicht weiss, ob es gleich zu schreien beginnt. „Die Krise ist schwer zu verstehen, weil man das Undenkbare nicht denkt“, sagt Stäheli. Und er zeigt einen Ausweg. Für ihn steckt viel Wissen über Ökonomie in der Populärkultur, etwa in der Literatur, weil da über ökonomische Zukünfte phantasiert werde. Etwas, das den Wirtschaftswissenschaften fehle.


Nun, Naturkatastrophen heissen doch nur dann so, wenn sie für die Menschen katastrophale Auswirkungen haben; und wie diese ausfallen, wird nicht alleine von der Natur bestimmt, sondern beispielsweise auch von der Einhaltung der Bauvorschriften. Ganz ähnlich ist es meiner Meinung nach mit den Wirtschaftskrisen: Es herrscht der Konsens, dass es keine langen Wellen gibt (wie sie beispielsweise noch Kontradieff zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu finden glaubte), sondern dass das Wachstum der Wirtschaft (und damit auch das Ausbleiben von Wachstum oder die Schrumpung) eigentlich dem Zufall unterworfen ist. Aber die Auswirkungen sind fast immer abhängig davon, wie die Wirtschaft reguliert ist und wie sich die Akteure zuvor verhalten haben. Also sinddie Auswirkungen von Wirtschaftskrisen nicht einfach hinzunehmen, denn die Aktivitäten von Rating-Agenturen, wie von Prof. Zimmermann immer wieder geschildert, oder die Verbriefung von unsicheren Werten sind keine Zufälle. Und auch keine Zufälle sind die teilweise perversen Auswirkungen, welche die enge Verflechtung und die Abhängigkeiten aller Akteure auslösen. Denn mehr denn je gilt, was Kurt Tucholsky schon um 1930 diagnostizierte: “Was die Weltwirtschaft angeht, so ist sie verflochten.”
Eine Wirtschaftskrise ist erst dann eine, wenn die Auswirkungen für viele negativ sind, jeden treffen könnten. Dafür gibt es Verantwortliche, da ist nicht niemand schuld. Und vermutlich liegt Zimmermann nicht total daneben, wenn er uns allen etwas Schuld auflädt.