„Wer nanotoxikologische Studien durchführt, muss sich bewusst sein, dass die Papers nicht nur von Wissenschaftlern gelesen werden“, warnt Richard Moore vom Institut für Nanotechnologie in Stirling, ein Experte in Risiko- und Gefahrenanalyse. Er schaute sich die Reaktionen auf das berühmte, vor einem Jahr veröffentlichte Paper in Nature Nanotechnology von Craig Poland an – mit dem mutigen Titel „Carbon nanotubes introduced into the abdominal cavity of mice show asbestos-like pathogenicity in a pilot study“. „Hunderte von Medien berichteten weltweit über die Arbeit mit Titeln wie „Fears over wonder nanotubes““, sagt Moore. Dabei fokussierten die Medien stets auf das Risiko und schrieben kaum, dass nur ganz bestimmte Varianten von Nanotubes Asbest-ähnliche Effekte zeigten (siehe Bild unten).
„Noch weniger als die Reaktionen der Medien sind sich die Wissenschafter der juristischen Folgen bewusst“, sagt mir Moore nach dem Vortrag. So haben sich amerikanische Juristen das Paper vorgenommen und entschieden, dass es nicht den so genannten „Daubert standards“ entspricht (publiziert in Nanotechnology Law & Business Journal, Vol 5 Iss 3). Damit könnte es in möglichen, künftigen Rechtsfällen nicht als Argument vorgebracht werden. Nach dem Vortrag entrüsteten sich einige, dass sich Juristen erfrechen, über die wissenschaftliche Qualität eines Papers zu urteilen. „Das ist ein Missverständnis. Die Juristen haben nicht die wissenschaftliche Qualität an sich beurteilt, sondern nur die Frage beantwortet, was ihre Aufgabe ist, ob das Paper stichhaltig genug ist für juristische Streitigkeiten“, sagt Moore.
Moore empfiehlt Wissenschaftern deshalb, ihre Resultate in dem sensiblen Gebiet immer gut in den Kontext zu stellen. „Man muss immer auch klar sagen, was man mit der Arbeit nicht gezeigt hat“, sagt Moore. Ich frage, ob die Autoren mit dem Titel die heftigen Reaktionen nicht richtiggehend vorgespurt haben. Moore glaubt auch, dass der Vergleich mit Asbest und damit mit der immensen Geschichte von Leiden, rechtlichen Händel usw den Hype bewirkt hat. „Mit solchen Reizworten und Vergleichen soll man sehr vorsichtig umgehen“, sagt Moore.
Ich frage ihn, wie die Nanomedizin verglichen mit anderen Gebieten dastehe, wenn er den Stand der Technologie mit dem Stand der Sicherheitsstudien vergleiche. „Wir wissen bei Nanomaterialien noch nicht, was die eigentlichen Gefahren sind“, sagt Moore. Sei bei Molekülen vor allem die chemische Zusammensetzung und die Dosis wichtig, sei bei Nanopartikeln wohl die Grösse der Oberfläche, die Stabilität der Aggregate und andere Kriterien zentral. „Im gesamten Gebiet der Nanotechnologie ist die Nanomedizin jedoch weit voraus, was Sicherheitsstudien angeht“, sagt Moore. Er sorge sich mehr über Nanoanwendungen in der Kosmetik, etwa Nanosilber, das bereits eingesetzt werde. Auch über Nanotubes in Kosmetika werde bereits diskutiert. „Dabei haben die noch keine Ahnung, ob die Partikel durch die Haut gehen oder nicht“, sagt Moore.


