Da kommt er, der Aufruf zur Rettung von Qualitätsmedien. Kurt Imhof der Universität Zürich tritt an zur Verteidigung der Moderne. Er zeigt auf, wie aus der Aufklärung, aus dem Bildungsbürgertum die klassischen Ressorts von Zeitungen entstanden sind: Politik, Handel, Wissenschaft, Feuilleton, Vermischtes. Diese seien erstaunlich konstant geblieben bis in die 80er Jahre, sagt Imhof. Mit den Ressorts ging ein Wissen über eine spezifische Beobachtung der Welt einher.
In den 80er Jahren dann begannen sich Medien immer mehr an Konsumenten zu orientieren. Damit wird die öffentliche Kommunikation neu einfärbt. „Aber ihr merkt das nicht“, sagt Imhof und lacht. Wir merken die Neu-Einfärbung nicht, weil Kommunikation ein totales Gut ist.
Wie aber färbt sich die Kommunikation neu? Durch eine Verschiebung vom Kognitiv-rationalen zum Emotional-affirmativen. Dies sei auch gar nicht anders möglich, sagt Imhof. Wenn dieses Wissen zur Beobachtung der Welt in Redaktionen fehlt, gelingt nur das Narrative, das Personalisierte. Wenn heute von einer bestimmten Schule die Rede ist, dann sprechen wir über die Pädophilie eines Lehrers. Gegen diesen Trend schwimmen Heerscharen von PR-Leuten verzweifelt an – und es wird immer schlimmer.
Das Problem sei, dass sich die Subjektmoral dem publizistischen Streit entziehe. Das bessere Argument hat keine Chance. Es lohnt sich nicht darüber zu streiten. Esoterik, Fantasie, Moral, Charakterdarstellungen kehren wieder zurück. Die Moderne gibt das Erbe der Aufklärung auf.
Imhof ortet darin ein immenses Systemrisiko für die Demokratie. Und entlässt uns mit dieser düsteren Aussicht in die Fragerunde. Glücklicherweise fragt jemand nach, ob er neben spannender Analyse und veritabler Empörung auch Lösungsvorschläge hätte. Imhof glaubt, dass sich Qualitätszeitungen wie die NZZ oder die New York Times langfristig nur über Stiftungen – private wie öffentliche – finanzieren lassen.
Dies stört den liberalen Geist. „Weshalb ist es unzumutbar, dass wir als Publika für Qualität bezahlen“, fragt ein weiterer Teilnehmer. Laut Imhof hatte das Bildungsbürgertum nie im Sinn, Medien nur dem Markt zu überlassen. Dies sei eine Verrücktheit des 20. Jh. Aufklärung sei schon immer ein top-down Projekt gewesen. Früher gab es dazu die Parteizeitung (welche etwa den Frontisten in der Schweiz kaum Beachtung schenkten, obwohl diese Events kreierten). „Wenn wir nur auf Nachfrage setzen, haben wir letztendlich eine viel kleinere Gruppe, die sich Qualität leistet“, sagt Imhof.
Gibt es also nur den Weg zurück? Ein weiterer interveniert, es böten sich doch auch Chancen. Wäre es nicht reizvoll, durch ein empowerment der Leute, durch eine Demokratisierung der Kommunikation, die Debatten und damit die Entscheidungsgrundlagen zu verbreitern?
Live-Blogging an Tagung “Wissenschaftskommunikation – Chancen und Grenzen” der akademien-schweiz


Wenn die kognitiv-normative Sicht der Welt aus dem Medienabbild der Welt verschwindet und durch eine moralisch-affektive Sicht ersetzt wird, stellen sich auch Fragen zur weiteren Existenz der Wissenschaft: Speziell die Naturwissenschaften sind auf dem ersten Weltbild aufgebaut. Falls die Medien Megatrends in der Bevölkerung abbilden, hiesse das, dass die Basis für eine positivistische – empirische Wissenschaft in der Bevölkerung verloren geht? Anzeichen gibt es: z.B.Alternativmedizin-Initiative, Werbung (vor allem in der Medizin) wichtiger als Forschung und erst noch wirksamer bezüglich Umsatz etc..Oder ist der Erfolgsausweis der Forschung gut genug, damit sie weiter besteht, trotz oder gar gegen moralisch – affektive Medienmechanismen?
Wie Imhof sagte, steht gar mehr auf dem Spiel, die Demokratie, die auf eine vernünftige Debatte angewiesen ist. Was mich interessant dünkt, ist, dass die “kognitiv-rationale” Welt in Bedrängnis ist, weil das “Moralisch-affektive” zu wenig beachtet wurde – um in diesen Polen zu denken. Analysieren wir die Kritik der Gentechnologie, von Impfungen, von Handystrahlen usw, so sehen wir, dass diese immer ein Amalgam von Technikkritik und moralischer Kritik ist. Stichworte: Big Pharma, Ausbeutung der Natur, Ausbeutung des Menschen… Um die “kognitive-rationale” Welt zu retten, muss ironischerweise das moralisch-affektive stärker beachtet werden – gerade auch in der Wissenschaftskommunikation. Konkret könnte das bedeuten: reine Grundlagenforschung stärken (Forschung ist auch ohne Aussicht auf Anwendung wertvoll!), die Unabhängigkeit von Forschern und Universitäten stärken – in der Realität wie in der Kommunikation.
Den Ausführungen Imhofs kann ich in vielen Punkten (Aufklärung, öffentlicher Diskurs, Rolle und schwindende Verantwortung der Medien, “Konsumenten” statt Leser oder Oeffentlichkeit etc.) nur zustimmen. Wo Qualitätsmedien – Print wie elektronische – immer mehr zum luxeriösen Auslaufmodell werden, da angeblich zu teuer, aufwändig, nicht mehr durch herkömmmliche Werbeeinnahmen finanzierbar gleich rentabel etc., muss über Alternativen nachgedacht werden. In den USA haben solche Debatten längst begonnen, wenn “der seriöse Journalismus ums Überleben kämpfen muss”. Denn “auf der Strecke bleibt die politische Information – der Sauerstoff für die Demokratie” (Roman Berger). Näheres dazu siehe
http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k08_BergerRoman_01.html