Die Organisatoren haben kurzerhand ihr Programm umgestellt und diskutieren die Schweinegrippe. Was könnten Nanotechniker und Nanomediziner beitragen, sollte sich die Schweinegrippe als echte Gefahr herausstellen? „Das ist ein Experiment“, sagt Patrick Hunziker zu Beginn des Blocks. Können sich die Experten ohne Vorbereitung auf ein neues Thema einlassen und kreative Ideen entwickeln?
Monika Engels führt die Teilnehmer in die Welt der Influenzaviren ein. Sie zeigt detailliert, wie Influenzaviren funktionieren, diese Nanovehikel der Natur. Im Vergleich dazu kommen einem die tollen Nanopartikel, die in den vergangenen Tagen an der Konferenz vorgestellt wurde, ziemlich brachial vor.
Thomas Teuscher von der WHO, eigentlich Malariaexperte, zeigt die globale Situation auf: „Die wenigsten Menschen haben Erfahrung mit einer weltweiten Pandemie.“ Teuscher möchte wissen, wer einen Pandemieplan in seinem Unternehmen hat. Nur einzelne Hände gehen in die Höhe. „Auch von den Ländern haben nur 40 einen Pandemieplan“, sagt Teuscher. Interessant sei, dass Private und die Medien rascher über den Verlauf der Krankheit informieren als die offiziellen Kanäle. So habe man über Google Maps (zur Schweinegrippe) zum ersten Mal ein real-time-tracking einer Epidemie. Zudem habe eine Firma Veratect schon drei Wochen vor Bestätigung des ersten Schweinegrippe-Falls gemerkt, dass etwas im Anzug sei, weil die Zahl von Menschen mit Atembeschwerden untypisch anstieg.
Stephan Marsch vom Universitätsspital Basel zeigt die Schwierigkeiten beim Umgang mit schweren Pneumonien. Bei Pneumonia haben Patienten Mühe, genug Sauerstoff aufnehmen zu können und müssen künstlich beatmet werden. In schweren Fällen hilft dies jedoch nicht viel. Zudem belastet es die Lunge. „Sie können eine beschädigte Lunge nicht ruhen lassen wie einen gebrochenen Arm“, sagt Marsch. In schweren Fällen führt man deshalb das Blut durch Filter, um es ausserhalb der Körpers mit Sauerstoff zu versorgen. Man könne dies wenige Wochen machen, danach gebe es Probleme, zum Beispiel mit Infektionen, sagt Marsch. Patrick Hunziker ergänzt, dass die Membrane Mikroporen haben. Würde man diese auf Nanogrösse reduzieren, könnte man ein x-faches an Sauerstoff ins Blut geben, so Hunziker.
„Und was können wir mit Nanotechnologie gegen die aufkommende Krise tun?“ fragt Hunziker in den Saal. Eine Möglichkeit sind Viren-tötende Oberflächen, etwa bei Türgriffen. Hunziker fragt Günter Schmid von der Universität Duisburg-Essen, ein Experte für Nanosilber. Laut Schmid kann Nanosilber tatsächlich Viren abtöten, insbesondere solche mit einer Lipidschicht. „Wir entwickelten jedoch auch eine Verbindung von Nanosilber mit bestimmten Polymeren, die eine reduktive Aktivität haben, und können so auch nackte Viren ausschalten“, sagt Schmid. Diese Produkte seien sehr stabil. In der Anwendung wären aber Dreckschichten ein Problem.
Viel Forschung wird betrieben, um Impfstoffe als Nanopartikel zu entwickeln. Gerd Pluschke vom Schweizerischen Trobeninstitut glaubt, dass Nanopartikel künftig DIE Träger von Antigenen in Impfstoffen sein werden. Das Team von Christian Mittelholzer von der Universität Basel hat ein völlig neues Nanopartikel für Impfstoffe entwickelt – Peptide, die sich sternförmig zusammenlagern (siehe Bild). „Das Antigen sitzt auf den Zacken des Sterns, gut sichtbar für das Immunsystem und vor allem räumlich genau richtig angeordnet“, sagt Mittelholzer. In Tierversuchen stimulierten die Nanopartikel das Immunsystem so gut, dass keine zusätzlichen Adjuvanzien, das Immunsystem ankurbelnde Substanzen, nötig waren. Einen interessanten Ansatz hat auch EL Romero von der Universität in Buenos Aires. Die Forscherin entwickelte so genannte „Archaesomes“, bestehend aus Fettmolekülen aus Archaebakterien, die in Salzminen leben. Die Stärke ist die hohe Stabilität dieser Lipide und die starke Immunreaktion, die sie auslösen. Die Forscher hoffen so einen Impfstoff zu entwickeln, der nur auf die Haut aufgetragen werden muss und damit kostengünstig verabreicht werden kann. Erste Resultate sind ermutigend.
Donald Tomalia von der Central Michigan University hat ein Dendrimer „in der Schublade“, dass Influenzaviren stark bindet. „Koppelt man diese an Gewebe, liessen sich möglicherweise besonders wirksame Mundmasken machen“, sagt Tomalia. Er habe bereits Forschungsgelder beantragt und hoffe nun nach den neuesten Entwicklungen auf „good news“ bei seiner Rückkehr.
Trotz der vielen Ideen: Bei dieser Schweinegrippe, die sich hoffentlich nicht zu einer Pandemie aufschaukelt, wird die Nanomedizin wohl noch keine Rolle spielen. Aber die nächste kommt bestimmt.
Damit endet die diesjährige Nanomedizin-Konferenz in Basel!

