Eine goldene Vergangenheit und Gegenwart – und eine rabenschwarze Zukunft zeichnet Stephan Russ-Mohl von der Università della Svizzera italiana. Die Wissenschaftskommunikation ist gewachsen. Aber wie? Sein Team hat eine Bestandesaufnahme gemacht.
Vor allem die öffentlich-rechtlichen Medien haben in den vergangenen Jahren ihre Wissenschaftsredaktionen ausgebaut (dazu zählen die Forscher allerdings auch die Sendung „Einstein“!). Aktuell sind rund 60 Wissenschaftsjournalisten angestellt; 20 davon bei Einstein. Damit sind die Medien allerdings ins Hintertreffen geraten. Die 10 Unis plus ETH und EPFL haben 140 Mitarbeitende in den Kommunikationsabteilungen; 28 davon machen Medienarbeit. Diese veröffentlichen jährlich knapp 700 Medienmitteilungen; wobei nur etwa einen Drittel Forschung an sich betreffen.
Die Zukunft skizziert Russ-Mohl mit Beispielen aus den USA (als ob es in der Schweiz nicht die gleiche Entwicklung gäbe). Auf den Punkt gebracht: Es sei völlig unklar, wer künftig den Qualitätsjournalismus finanzieren soll, sagt Russ-Mohl. Journalismus drohe in einem Bermuda-Dreieck zu verschwinden: Werbung/Publica wandern ins Internet; PR dominiert immer mehr. Wie aber kann aus einer solch goldigen Gegenwart eine solch rabenschwarze Zukunft werden? „Wissenschaftskommunikation als Erfolgsgeschichte“ heisst eine Folie von Russ-Mohl. Wirklich?
Interessant sind seine Schlussfolgerungen und Apelle:
Wissenschafts-PR verstärken! Dabei sollen die Forscher selbst mehr zu Wort kommen und weniger die PR-Abteilungen.
Anreizsysteme für Kommunikation schaffen! Wer in den Medien allzu präsent sei, setze sich dem Verdacht aus, unseriös zu sein, sagt Russ-Mohl. Gefährlich werde der Dissidentenstatus, wenn sich Kollegen in Gutachter verwandeln. „Gerade die SAGW könnte hier mehr tun“, sagt Russ-Mohl.
Er mockiert sich über die Hochglanz-Magazine, die sich alle Unis leisten. Diese legen den Markt trocken für unabhängige Magazine, so Russ-Mohl. Vertrauen brauche aber Unabhängigkeit. Er hält deshalb auch die Finanzierung eines Wissenschaftsredaktors der Nachrichtenagentur sda durch die Hochschulrektorenkonferenz CRUS für „ordnungspolitisch problematisch“. (sie dazu hier und hier).
Wenig Beachtung fand in dem Vortrag der eigentliche Patient: die Medien und ihre Wissenschaftsredaktionen. Diese sind schlecht dotiert, vor allem quantitativ, aber auch qualitativ, und das hat Russ-Mohl auch erwähnt. In der Diskussion wird jedoch immer überlegt, wie dieser Mangel zu kompensieren sei. Die eigentliche Frage aber ist: Wie kann sich eine Gesellschaft einen Qualitätsjournalismus leisten? Lösen wir diese Fragen, muss sich die Wissenschaft keine Gedanken mehr über Kommunikation machen. Dann reicht es, sich einzubringen und der guten Debatte zu trauen. Hoffentlich kommt dazu noch was.
Live-Blogging an Tagung “Wissenschaftskommunikation – Chancen und Grenzen” der akademien-schweiz

