Wissenschaftsjournalisten sollten der Aufklärung verpflichtet sein. Davon gehe ich zumindest aus. Das CERN, dieser kosmopolitische Schmelztiegel der Teilchenphysik, verführt jedoch wiederholt Medienschaffende zum Fabulieren. So liebäugelt Marcel Hänggi im neusten Bulletin des Klubs (SKWJ) mit der “Pornografie” des neuen Grossbeschleunigers LHC bei Genf. Da suhlt sich einer in leicht konfuser Skepsis gegenüber dem wohl grandiosesten wissenschaftlichen Experiment der Menschheit, wobei der Stand des physikalischen Wissens schlichtweg ausgeblendet wird. Und positive wirtschaftliche Konsequenzen, welche die CERN-Experimente bisher auslösten und noch bewirken werden, darf es einfach nicht geben – das widerspricht der Ideologie.
“Was ist denn, nüchtern betrachtet, vom LHC zu erwarten?”, fragt Marcel Hänggi. Sicher nicht der Weltuntergang, wie die Journalistengilde genüsslich und gedankenlos in die Welt posaunte, unbelastet von jeglichen Erkenntnissen der Teilchenphysik. Sonst müsste man nämlich “nüchtern” anfügen, dass im gesamten Weltall energiemässig jede Sekunde 3 mal 10 hoch 13 komplette (d.h. über 10 Jahre hinweg aufsummierte) LHC-Experimente ablaufen (SPC Report). Und wenn es neutrale, nicht verdampfende schwarze Minilöcher gäbe (gemäss Biochemiker Rösslers “Theorie”), müssten sie in den Neutronensternen wegen der Gravitation steckenbleiben und diese allmählich auffressen. Die Neutronensterne sind aber alle noch da! Soweit zur beschworenen Apokalypse, verbunden mit irrealer Angstmacherei. Wissenschaft lebt aber nicht nur von “kritischer Distanz” aus der Journalistenwarte, sie kann zum Glück (v.a. bei der Jugend) auch Begeisterung auslösen, Neugier auf unentdeckte Gebiete wecken – diese Botschaft darf ruhig auch von den Medien verbreitet werden, ohne dabei mögliche negative Folgen auszuklammern. Aber bitte auf dem Boden bleiben!
Forschung wiederum vermag in der Industrie technologische Innovationen zu generieren. Zum wirtschaftlichen Nebennutzen des CERN, den Hänggi argumentativ umständlich geringschätzt, ein paar Fakten aus Studien für die Schweiz: Ans CERN zahlte unser Land an öffentlichen Geldern zwischen 1998 und 2007 rund 310 Mio. CHF, der ökonomische Return vom CERN an Schweizer Unternehmen zum Bau von Forschungsanlagen betrug in dieser Zeitspanne um die 675 Mio. CHF, also weit mehr als das Zweifache. Damit hervorgerufen wurden zahlreiche Innovationen in Elektronik, IT, Materialwissenschaften, Bautechnik etc. Eine Broschüre gibt dazu einen Überblick (bei mir zu beziehen). Mein Fazit: Wissenschaft verdient harte Recherchen, lockere Fantasien sind besser im Feuilleton aufgehoben. Auch dort finde ich persönlich immer wieder Beiträge, die mich anregen und beschäftigen. Mein zweites Fazit: Es muss nicht immer Wissenschaft sein. Daher zähle ich den “Partikelporno” im Klubbulletin zum Feuilleton – um ja nicht jemanden zu beleidigen!


uiui Beat, da hast du aber einiges verdreht. «Liebäugeln» mit der «Pornografie» des LHC tu ich ja gerade nicht, sondern ich mokiere mich über das, was die taz (augenzwinkernd) eine «pornografische» Berichterstattung nannte: Es geht in meinem Kommentärchen doch nicht um Physik, sondern um die Berichterstattung darüber. Deshalb blende ich «den Stand des physikalischen Wissens schlichtweg aus», wie du schreibst: Ich muss im Bulletin der Wissenschaftsjournalisten ja niemandem erklären, was der LHC ist. Und ich rede nicht Otto Rösslers Weltuntergangstheorie das Wort (oder liest du sowas aus meinem Text?), sondern einem Journalismus, der solche Ängste nicht einfach als lästig ignoriert. Auch Rössler hat ein Telefon und eine E-Mail-Adresse, und wenn man seine Argumente noch so doof findet, ist es nichts als journalistisch, sich diese anzuhören. Würdest du vom Astronomer Royal und Präsident der Royal Society auch sagen, er «suhle sich in Skepsis» (s. dessen Buch «Our final hour»)?
Dass den Kosten des LHC auch ein großer Return gegenübersteht, bezweifle ich nicht (oder hast du das gelesen?), aber wenn man buchhalterisch argumentiert, sollte man das korrekt tun, und das heißt, dass man auch die Opportunitätskosten rechnen müsste (ich will an dieser Stelle nun keinen Buchhaltungskurs geben).
Und, ach ja: «Wissenschaft verdient harte Recherchen, lockere Fantasien sind besser im Feuilleton aufgehoben» ist schlicht unglaublich arrogant (nicht mir gegenüber, sondern den Kollegen vom Feuilleton gegenüber, die in vielen Zeitungen – SZ, FAZ, NZZ, Tagi – nicht selten brilliant und manchmal besser als die Wissenschaftsressorts über Wissenschaft schreiben).
P.S.: Bin übrigens ein großer Fan des Cern, wie man von mir auch schon lesen konnte. Bin aber auch Journalist, und deshalb stört es mich immer, wenn Journalisten eine PR-Strategie eins zu eins übernehmen. Hast du, als du noch Journalist warst, ja hoffentlich auch nicht getan.
Wie du bemerkst, lieber Marcel, verführt dein Text im Bulletin (zumindest bei mir) dazu, generell über all die unsachlichen und gedankenlosen Medienberichte zu den LHC-Experimenten am CERN zu lästern – publiziert vor allem dort, wo Informationen nix mehr kosten! Nicht dass dein Kommentar gedankenlos wäre, ganz im Gegenteil, aber der eigentliche Aussagewunsch kommt meiner Meinung nach zu wenig raus. Somit wirst du zum missverstandenen Blitzableiter – und dies ist für einen CERN-Fan natürlich unselig … Sorry. Was das Feuilleton betrifft, hat dort Hard Science (jedenfalls in der Deutschschweiz) nichts zu suchen, die Philosophen wachen da über das Sagen. Natürlich gibt es immer Ausnahmen, die bestätigen aber nur die (statistische) Regel. Zudem möchte ich nicht “harte Recherchen” gegen “lockere Fantasien” ausspielen, beides kann zu brillanten Resultaten führen und beides erfordert schwere Arbeit.
Interessante Diskussion. Nur leider wird unterschwellig davon ausgegangen, dass die Befürchtungen der LHC-Kritiker tatsächlich Blödsinn Sinn. Ich bin jedoch selbst LHC-Kritiker und weiss es besser. Bei kritischer Betrachtung legt der LSAG Report eine Sicherheit nahe, beweist Sie aber längst nicht. Wenn man natürlich davon ausgeht, dass alle Theorien der Physiker der letzten paar Jahre zu 100% stimmen, so ist eine Gefahr relativ ausgeschlossen. Dazu müsste man jedoch erst verdrängen, wie oft in den letzten Jahren sich solche Theorien als schlichtweg falsch herausgestellt haben. Gerade Theorien über Ursprung und Zusammensetzung der kosmischen Strahlung, die der eigentlich einzige Beweis zur Ungefährlichkeit sind.
Bei den meisten Berichten zum LHC stellt man fest, dass die Autoren offensichtlich den LSAG-Report nicht kennen, bzw. jegliche Skepsis gegenüber unbewiesenen physikalischen Theorien abgelegt haben (eigentlich ungewöhnlich für Autoren). Für den uninformierten Leser bleibt die Frage, weshalb das CERN denn unisono Kritiker als Idioten abstempelt und eine Gefahr für ausgeschlossen hält. Nach 10 Monaten “LHC Erfahrung” kenne ich die Antwort, überlasse es aber dem Leser selbst, sie zu finden.
Meine Hoffnung ist, dass Leute wie Herr Hänggi weiter recherchieren und ihre Scheu ablegen, ihre Kritik deutlicher darzustellen. Für die Autoren, die bislang bloß das abgeschrieben haben, was Ihnen von der Presseabteilung des CERN vorgelegt wurde, hoffe ich, dass Sie sich auf Ihre Wurzeln besinnen und endlich anfangen, den LSAG Report kritisch zu hinterfragen. Dann läge die Antwort, ob der LHC in Betrieb gehen sollte oder nicht, relativ schnell auf der Hand.
Natürlich weiss niemand, ob der LHC eine Gefahr darstellt oder nicht. Aber eines ist sicher: In einigen Jahren werden wir rückblickend die Experimente verurteilen. Als dumm, ignorant und verantwortungslos. Natürlich nur, wenn wir dann noch da sind.
P.S: ich bin übrigens Physik-Fan und erachte Grundlagenforschung als ausserordentlich wichtig.
wieso gibt es denn vom cern keine wahrscheinlichkeitsrechnung zu den gefahren? wäre die wahrheit in einfachen zahlen zu gefährlich für das cern? in den usa soll es bei einem ähnlichen projekt (rhic) eine rechnung gegeben haben,die von 120 toten im statistischem mittel ausgegangen ist(auch nachzulesen im wissenschaftlichen report an den bundestag vom 5.9.2008).das ist dann mal eine hausnummer,und darüber muss man dann diskutieren ob das hinnehmbar ist oder nicht.