Oft wurde sie am Café scientifique vom 8. März zu den Anfängen des Homo sapiens erwähnt, die Paläopoesie. Auch Paläontologen sind auf Dichtung angewiesen, um ihre Knochen, Steine und anderen Fundgegenstände zu beleben. Besonders schön hat es Jean-Marie Le Tensorer vom Institut für Prähistorische und Naturwissenschaftliche Archäologie, Uni Basel, ausgedrückt: „Wir haben aus der frühen Menschheitsgeschichte fast nur die Steinwerkzeuge. Das ist etwa so, als müsste man unsere Kultur rekonstruieren und hätte als Basis nur die Messer und Gabeln aus unserer Zeit.“ Peter Schmid vom Anthropologisches Institut und Museum, Uni Zürich, illustriert die lückenhafte Sammlung an Knochen früher Hominiden: „Aus den rund 5 Millionen Jahren Menschheitsgeschichte haben wir etwa 5000 relevante Fossilien. Und diese sind noch sehr unregelmässig über die Zeiträume verteilt.“ Jörg Schibler, wiederum von der Uni Basel, untersucht die jüngere Geschichte des Menschen und konnte für die Zeit der Pfahlbauer die bekannten Knochenreste quantifizieren. Aus dieser Zeit hätten sich die Knochen besonders gut erhalten, sagt Schibler, und dennoch seien nur rund 1 Prozent der Knochen „überliefert“.
Die frühe Menschheitsgeschichte beleuchten Funde in Süd- und vor allem in Ostafrika. Vermutlich seien die Hominiden in weiten Teilen Afrikas vorgekommen, meint Schmid. Die Funde beschränken sich jedoch auf geologisch einzigartige Orte, insbesondere den Grossen Afrikanischen Grabenbruch. Die afrikanische Platte bricht da auseinander und drückt die inneren – und damit älteren – Erdschichten nach oben. Für das Entstehen der Hominiden seien wohl ein tropisches Klima und das Vorkommen von Primaten wichtig gewesen, sagt Schmid. Damit käme neben Afrika, das als Wiege der Menschheit gilt, auch Südostasien in Frage. „Dort fehlen aber zumindest bislang jegliche Funde“, sagt Schmid.
Die Geschichte des Menschen beginnt vor 5 bis 6 Millionen Jahren. Ein wichtiger Schritt in der Entwicklung geschah vor gut 2,5 Millionen Jahren. Schritt im wörtlichen Sinne: Der Mensch begann aufrecht zu gehen. Dies geschah übrigens nicht in der Savanne, wie oft fälschlicherweise behauptet wird, sondern in Waldregionen. Der aufrechte Gang war eine eigentliche Befreiung – in dreifachem Sinne: Er befreite das Gehirn, die Atmung und die Hände.
- Gehirn: Der aufrechte Gang bedingt anatomisch ein engeres Becken. Dies wiederum hat dazu geführt, dass der Mensch „unterentwickelt“ zur Welt kommt. Insbesondere sein Gehirn wächst vor allem nach der Geburt, was bei Säugetieren einzigartig ist. Dieses „Konzept“ machte erst ein so grosses Gehirn möglich. Der Mensch kommt mit einem etwa 300 bis 400 Kubikzentimeter grossen Gehirn auf die Welt, welches auf 1400 Kubikzentimeter anwächst. Beim Gorilla etwa wächst das Gehirn nach der Geburt nur von 350 auf 450 Kubikzentimeter.
- Atmung: Vierbeiner atmen in der Kadenz der Schritte. Beim Menschen ist dies unabhängig. Das machte ihn zum Dauerläufer, da er die Atmung auch zur Kühlung nutzen konnte. Und die Befreiung der Atmung ist eine Grundlage für das Sprechen.
- Hände: Gleichzeitig mit dem aufrechten Gang entwickelte sich der Mensch vom Werkzeug-Nutzer zum Werkzeug-Macher. Er begann etwa, Steine zu bearbeiten, um sie als Werkzeuge zu gebrauchen.
Mit dem grösseren Gehirn stieg der Energiebedarf des Menschen drastisch. Er reicherte seine Nahrung zunehmend mit Fleisch an. Als Jäger zog er mit den Tierherden mit, was wohl wesentlich zur ersten Auswanderungswelle aus Afrika vor 2,5 Millionen Jahren geführt hat. Homo habilis und H. erectus besiedelten damals den Vorderen Orient und zogen von da weiter Richtung Osten und Richtung Europa. Eine zweite grosse Auswanderungswelle unternahm Homo sapiens vor etwa 150.000 Jahren. „Auswanderung“ ist nach Le Tensorer der falsche Begriff. Dies war wohl eher ein stetes Ausweiten des Territoriums. Zu dem Thema eröffnet das Museum der Anthropologie Zürich am 13. März die Ausstellung „Out of Africa“.
Mit der biologischen ging auch eine kulturelle Evolution einher. Dabei seien die kulturellen Faktoren im Laufe der Menschheitsgeschichte zunehmend bestimmender geworden, sagt Le Tensorer. Die ersten gemachten Werkzeuge sind 2,5 Millionen Jahre alt. Vor etwa 1,5 Millionen Jahren stellten die Menschen Faustkeile her. Vor 800.000 Jahren hatten sie Feuerstellen, wobei sie das Feuer wohl noch von natürlichen Bränden gewannen. Vor 500.000 Jahren lernten sie, Feuer selbst erzeugen. Vor 110.000 Jahren fanden die ersten Bestattungen statt, was als frühe Anzeichen von Religion interpretiert wird. Vor 70.000 Jahren begannen sie in Afrika zu zeichnen, vor 40.000 Jahren in Europa.
Bei dieser Auflistung fehlen kulturelle Entwicklungen, die keinen materiellen Niederschlag haben. Etwa die Sprache. Aus anatomischen Veränderungen – Zungenbein, Veränderung an Wirbelsäule bzw Rückenmark zur Steuerung des Zwerchfells – vermuten die Forschenden die Entstehung der Sprache vor 1 bis 1,5 Millionen Jahren. Die Bedeutung der Sprache illustriert Schmid: Schimpansen bräuchten etwa 2 bis 4 Jahre bis sie lernten, mit Steinen Nüsse zu knacken. Sie können nur imitieren. Die Sprache erlaubt eine viel raschere Wissensvermittlung. Der nächste Schritt, um Wissen auch kumulieren und speichern zu können, wäre die Schrift. Für Schmid ist es durchaus denkbar, dass die Höhlenzeichnungen in diesem Sinne als Symbole funktionierten, die für die Menschen damals weitaus mehr bedeuteten als wir heute darin erkennen können. „Wir dürfen nicht vergessen, dass man mit 25 Zeichen, den Buchstaben, fast alles Wissen festhalten kann“, sagt Schmid.
Auch die Ästhetik, oder weiter interpretiert, die Kunst, ist eine immaterielle kulturelle Entwicklung. Le Tensorer vermutet, dass bereits Faustkeile auch nach ästhetischen Kriterien verarbeitet wurden. „Ein Faustkeil müsste nicht schön mandelförmig sein, um damit schlagen und kratzen zu können“, sagt Le Tensorer.
Die Nahrung war stets eine treibende Kraft in der Evolution des Menschen. Die Landwirtschaft mit Ackerbau und Viehzucht wurde im Vorderen Orient vor gut 10.000 Jahren entwickelt. Schon damals wurden vor allem Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen für die Fleischproduktion domestiziert. Interessant ist, dass der Hund, das älteste Haustier, von Anfang an nicht zur Fleischgewinnung domestiziert wurde. „Dies macht bei einem Carnivoren ja keinen Sinn“, sagt Schibler. Auch habe der Mensch Wölfe nicht mit der Absicht zu sich genommen, um sie als Zug- oder Treibtiere einzusetzen. Dazu hätten die Menschen ja erst wissen müssen, dass sich Wölfe bzw. Hunde dazu eignen. Schibler vermutet einen anderen Grund: „Die Menschen nahmen wohl zuerst verwaiste Jungtiere auf – aus emotionalen Gründen.“ Demnach stünde am Anfang der Domestizierung von Tieren das Mitgefühl.
Zum Schluss fragte der Moderator des Café scientifique, Mark Livingston, wie die Forschenden die weitere Entwicklung des Menschen sähen. Schibler glaubt, dass sich der Mensch in kommenden Krisen entscheidend verändern wird. Schmid wiederum sagt einen zunehmenden Verlust der Bewegungsfähigkeit des Menschen voraus. Und Le Tensorer vermutet, dass der Homo sapiens sapiens, wie seine Vor- und Nebenläufer, ausstirbt. Da kann man nur hoffen, dass die Paläopoesie nicht zu nahe an der Realität ist.


Also wenn man bedenkt, dass die Paläontologen und -innen ja noch gar nicht so lange auf der Suche sind, zweitens dazu nimmt, dass nur interpretiert werden kann, was überhaupt als fossiler Rest alle die Jahrhunderttausende überlebt hat, und drittens sich vor Augen hält, dass offenbar selbst bei den Pfahlbauern im Seegrund nur gerade ein Prozent des damals Vorhandenen erhalten blieb, dann ist eines gewiss: Da wird es noch über schöne Überraschungen zu berichten geben. Vielleicht macht gerade das die Faszination aus, die von diesem Thema ausgeht. Fasziniert bin ich als knöcherner Laie aber auch von der anscheinend traumwandlerischen Sicherheit, mit der man da sagen kann, das ist ein Schlüsselbein des X und das ein Knochen eines Hirschs. Offenbar hat man in diesem Fach all diese Skelette im Kopf. Das muss ganz schön klappern.