„Together, we must choose to live in a society that recognizes the value of experience and expertise“, schreibt Harry Collins in einem Kommentar in Nature vom 5. März. Mit “we” meint Collins die Wissenschaftsforscher und die Naturwissenschaftler. Er hätte aber genauso gut Journalisten ansprechen können. Aber dazu später.
Den Wissenschaftsforschern – von denen Collins als Direktor der Cardiff School of Social Sciences selber ein prominentes Mitglied ist – wirft Collins vor, in ihrer postmodernen, konstruktivistischen Analyse zu weit gegangen zu sein: „The founding myth of the individual scientist using evidence to stand against the power of church or state (…) has been replaced with a model in which Machiavellian scientists engage in artful collaboration with the powerful. The modern social analyst of science has no more to say about the failure of Trofim Lysenko’s theories of biological inheritance during Stalinist times than the failure of the Soviet Union – both simply lost a political battle.”
Für Collins ist diese Sicht weit in die Gesellschaft reindiffundiert. Die Wissenschaftsforscher haben so einen guten Nährboden geschaffen für Kreationisten, Virenleugner, Impfgegner und andere Vertreter von antiwissenschaftlichen Strömungen.
Auch Naturwissenschafter müssten ihre Haltung ändern, fordert Collins. „They must reflect on and recognize the limits of their practice and their understanding.“
Collins schlägt jedoch kein Zurück zur postmodernen Wissenschaftsforschung à la Popper vor. Vielmehr haben er und sein Team in den vergangenen Jahren einen Ausweg skizziert, der im Zentrum auf der Expertise aufbaut. Die Forscher untersuchen seit Jahren, was Expertise genau bedeutet, welche Formen von Expertise es gibt und mit welchen Methoden man eine Aussage, eine Einschätzung von jemandem gewichten könnte. Sie haben dazu ein Periodensystem der Expertise entworfen, beschrieben im 2007 erschienen Buch „Rethinking Expertise“. Berühmt wurde Collins mit der Beschreibung der so genannten „interactional expertise“.
Welche Folgen es hat, wenn man dieses Periodensystem der Expertise anwendet, schreibt Collins in Nature: „The result of such an exercise is the creation of some new classes of experts (such as people whose expertise is based on experience rather than training and certificates), and the exclusion of some old classes (such as scientists speaking outside their narrow areas of specialization).“ Und Collins fordert: „When we outsiders judge scientists, we must do it not to the standard of truth, but to the much softer standard of expertise.”
Dies ist auch für Journalisten relevant. Tammy Boyce, jetzt beim The King’s Fund, hat dazu im 2006 den Aufsatz „Journalism and Expertise“ geschrieben. Sie untersuchte die Berichterstattung in Grossbritannien rund um den Mumps-Masern-Röteln (MMR)-Impfstoff im Nachgang zu Wakefields berühmtem Lancet-Paper. Demnach waren 48% der Artikel ausgeglichen, 32% gewichteten das Anti-Lager und 20% das Pro-Impf-Lager stärker.
Interessant ist, dass selbst ausgeglichene Artikel meist dem immer gleichen Schema folgten: Zuerst tritt ein Laie mit verschiedenen Vorwürfen auf, die dann der Experte zu entkräften versucht. Diese Vorwürfe prägten den Artikel und drängten den Experten von Beginn weg in die Defensive. Zudem wurden die Vorwürfe der Laien, etwa von Eltern, praktisch nie hinterfragt. Insofern waren selbst Artikel, die beide Meinungen wiedergaben, in vielen Fällen einseitig zum Nachteil der Experten strukturiert.
Viele Experten reagierten auf diese einseitige Berichterstattung. Sie berichteten nicht von ihren Forschungen und Kenntnissen, sondern schilderten lieber persönliche Erlebnisse. Journalisten hätten sie oft dazu gedrängt, sagten sie in Befragungen. Boyce beobachtete zudem, dass Experten ihr Expertentum zu verstecken suchten, weil sie glaubten, die Öffentlichkeit würde ihnen sonst weniger trauen. Die befragten Experten hatten den Eindruck, dass selbst in ausgeglichenen Artikeln die fachliche Einschätzung bedeutungslos bleibt neben emotionalen Aussagen von Eltern.
Boyce befragte in ihrer Arbeit auch mehrere Journalisten. Demnach wurde in Redaktionen die Expertise von Experten kaum diskutiert. Boyce schlägt folgende Fragen vor, die sich Journalisten bei der Auswahl von Experten stellen sollen:
- Welche Art von Expertise besitzt die Quelle?
- Ist diese Expertise bedeutsam für meine Geschichte?
- Wie kann ich die Art der Expertise der Quellen voneinander unterscheiden?
- Falls die Quelle weder „contributory expertise“ (the expertise needed to contribute fully to all aspects of a domain of activity) noch „interactional expertise“ besitzt, stelle ich sie unfairerweise einem Experten gegenüber?

