Titel: „Ritalin für alle soll es sein.“ Unterzeile: „Die Schule soll zum selbstständigen Denken erziehen? Schnee von gestern. Gefordert ist unbeschränkte Leistung im Dienste des Marktes.“ Schlusssatz: „Willkommen im Zeitalter des neoliberalisierten Gehirns!“ Dieses Zeitalter sieht Franziska Meister in einem Nature-Artikel ausgerufen – von „AutorInnen, die alle aus den geistigen Eliteschmieden der USA und Grossbritanniens kommen“.
Im Artikel unternimmt Franziska Meister gewagte Schritte. Sie zitiert – ziemlich frei – aus dem Artikel: „Wäre es falsch, Chirurgen die Einnahme von solchen Medikamenten bei risikoreichen Operationen vorzuschreiben?“ Und schreibt weiter: „Mit derselben Logik hätten sie auch fragen können: Ist es falsch, gesunden Schulkindern Ritalin zu verabreichen, um sie möglichst optimal auf die Anforderungen des freien Marktes vorzubereiten?“
Lassen wir die AutorInnen zu Wort kommen, klingt das ziemlich anders: „Governments may be willing to let competent adults take certain risks for the sake of enhancement while restricting the ability to take such risky decisions on behalf of children.“
Im Artikel geht es gar nicht um Ritalin. Henry Greely und seine MitautorInnen haben sich im Rahmen eines Seminars Gedanken dazu gemacht, wie die Gesellschaft mit das Hirn stimulierenden Enhancements umgehen soll. Sie schlagen folgende Schritte vor:
- We call for an evidence-based approach to the evaluation of the risks and benefits of cognitive enhancement.
- We call for enforceable policies concerning the use of cognitive-enhancing drugs to support fairness, protect individuals from coercion and minimize enhancement-related socioeconomic disparaties.
- We call for a programme of research into the use and impacts of cognitive-enhancing drugs by healthy individuals.
- We call for physicians, educators, regulators and others to collaborate in developing policies that address the use of cognitive-enhancing drugs by healthy individuals.
- We call for information to be broadly disseminated concerning the risks, benefits and alternatives to pharmaceutical cognitive enhancement.
- We call for careful and limited legislative action to channel cognitive-enhancement technologies into useful paths.
Nun sind die AutorInnen tatsächlich – mit klaren Einschränkungen – eher pro Enhancement. Sie sehen die Gesellschaft wohl auch als Leistungsgesellschaft. Man kann diese Ansichten nun teilen oder nicht; es lohnt sich dennoch, die Argumente zu bedenken und sich auf die Diskussion einzulassen. Sie schreiben zu Recht: „A laissez-faire approach to these methods will leave us at the mercy of powerful market forces that are bound to be unleashed by the promise of increased productivity and competitive advantage.” So arg neoliberal klingt diese Warnung doch gar nicht.
Meine Empfehlung in den Worten des Philosophen Bernward Gesang: “Verlasst euch bei Enhancements nicht aufs Bauchgefühl!“ Und mein Wunsch: Etwas weniger Entrüstung und instinktive Ablehnung; etwas mehr Auseinandersetzung mit den Argumenten. Schliesslich gibt es ja auch gute Gegenargumente.
Und noch etwas Nebensächliches: Die AutorInnen wollen ja eine Regulierung im „drug law“. Franziska, du übersetzt das mit „Gesetze zum Drogenmissbrauch“ und ärgerst dich, dass Enhancement erlaubt sein soll, aber kiffen kriminalisiert wird. Meiner Meinung nach wäre „Heilmittelgesetz“ die bessere Übersetzung, nicht?
„Ritalin für alle soll es sein“, Wochenzeitung, 8. Januar
„Towards responsible use of cognitive-enhancing drugs by the healthy“, Nature, Online-Vorabpublikation vom 7. Dez 2008

