Kürzlich wurden im Zürcher Hallenstadion vor vollen Rängen die Swiss Awards für 2008 verliehen. Gekürt wurden dabei die « besten Schweizerinnen und Schweizer» in den Kategorien Kultur, Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Show. An der von SF 1 direkt übertragenen Veranstaltung traf sich gemäss den Medien alles, was in der Schweiz „Rang und Namen“ hat. Und dennoch fehlte ein für das Land wichtiger Gesellschaftsbereich, zumindest trat er nicht in Erscheinung: die Wissenschaft. „La science n’existe pas“ könnte man analog zum legendären Spruch an der Weltausstellung 1992 in Sevilla folgern. Da die nominierte Teilchenphysikerin Felicitas Pauss bei der Wahl leer ausging, war von der akademischen Welt rein nix zu hören. Die siegreichen Architekten Herzog & de Meuron sowie der Tessiner Ingenieur Giovanni Lombardi, allesamt ETH-Alumni, wurden nicht mit der Hochschulwelt in Verbindung gebracht. Die Wissenschaftsgemeinschaft sucht in der Schweizer Prominenz offensichtlich keinen Platz – sie ist in diesen Kreisen inexistent. Es bleiben die Fragen: Findet die Akademia solche Anlässe „unter ihrer Gürtellinie“ und bleibt ihnen prinzipiell fern? Oder aber sieht die Hochschulwelt die Chance nicht, ihre gesellschaftliche Akzeptanz auch mit solchen öffentlichen Auftritten zu erhöhen und damit die immer noch hohe Hemmschwelle zum Elfenbeinturm zu senken? Ich neige zu Letzterem, in andern Ländern (USA, Frankreich) ziert sich die Wissenschaft weniger.
Jan 19th, 2009 by Mediensplitter - Beat Gerber | 3 Comments »
3 Antworten auf “Mediensplitter (4): Wissenschaft fern dem gesellschaftlichen Parkett”
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Man müsste sich wohl eher fragen, weshalb es denn keine Kategorie Wissenschaft an den Swiss Awards gibt. Es wurden nämlich fünf herausragende Persönlichkeiten aus Politik, Kultur, Wirtschaft, Show und Gesellschaft ausgezeichnet, wie es auf der SF-Site heisst. Vielleicht ist Wissenschaft einfach zu wenig sexy für solche Anlässe. Ich bin aber überzeugt, dass ein Nobelpreisträger sofort für die Kategorien Kultur oder Gesellschaft nominiert und auch gewählt würde. Das ist mindestens so sexy wie ein Vogelnest zu bauen.
Auch in diesem Jahr wurden Wissenschafter für den SwissAward des Schweizer Fernsehens nominiert. Mit der Physikprofessorin Felicitas Pauss auch eine Forscherin, die durch ihr Engagement in der Öffentlichkeit (und für die ETH Zürich und das CERN) auffällt. Ausgezeichnet wurde schliesslich der ETH-Ingenieur Giovanni Lombardi; er erhielt den Award in der Kategorie Gesellschaft.
2007 hat die Virologin Karin Mölling von der Universität Zürich den Gesellschafts-Award bekommen, ein weiterer Wissenschafter (Maurizio Molinari) war nominiert. Und wenn wir noch weiter zurückblicken, stellen wir fest, dass immer auch Wissenschafter ausgezeichnet wurden: zum Beispiel der Krebsforscher Franco Gavalli (2005), AIDS-Forscher Ruedi Lüthy (2004) oder Chemie-Nobelpreisträger Kurt Wüthrich (2002).
Die Wissenschaft wird also im öffentlichen TV-Leben durchaus wahrgenommen, offenbar hat der „Spin-Doctor des Präsidenten der ETH Zürich“ aber Mühe mit dem „gesellschaftlichen Parkett“ und sähe die Verleihung viel lieber im Elfenbeinturm. Aber das ist nicht die Aufgabe von uns Journalisten!
Wundersam, Michael, was du aus meinen Zeilen liest. Ich möchte klarstellen, dass ich vehement für die “Wissenschaft auf dem gesellschaftlichen Parkett” eintrete und keineswegs den Rückzug in den Elfenbeinturm herbeiwünsche. Bei den letzten Swiss Awards war aber die Wissenschaft (trotz Nominationen und Gewinnen) für die Öffentlichkeit leider nicht als eigenes Gesellschaftssegment sichtbar.