Es herrscht Goldgräberstimmung an der Ökofront. Lange von Idealisten gehätschelt, hat nun Big Business alles rund um Öko übernommen. Silicon Valley verlangt nach green regulations für ihr green business. Ich hörte letzthin einen Manager von General Electric sprechen zu „Ecomagination. Embracing green product development for increased growth“ – und den ständig nach oben zu korrigierenden Gewinnaussichten. Öko ist in, ein Wandel wie bei den Bio-Äpfeln: So klein und voller Flecken waren sie früher nur etwas für Ökofreaks; heute strahlen sie wie die mit Pestiziden behandelten Artgenossen und gehören zum Lifestyle von Jungmanagern.
Und nun dies: Gerade als der letzte Felsbrocken – George W – aus dem Weg geräumt worden ist und ein neuer Führer bereit steht, uns ins Gelobte Land zu führen, veröffentlicht Marcel Hänggi sein Buch „Wir Schwätzer im Treibhaus“. Er seziert unsere Hoffnung fein säuberlich und zertritt jeden Schnitz einzeln vor unseren Augen.
Energieeffizienz: „Technik wird effizienter, seit es sie gibt; noch nie ging deshalb der globale Energieverbrauch zurück“
Erneuerbare Energien: „Es besteht die Gefahr, dass neue Angebote zuerst das bestehende Angebot erneuerbarer Energien vom Markt drängen. Überall dort, wo der Markt die Nachfrage nicht decken kann, ist damit zu rechnen, dass neue Energieangebote vom Markt aufgesogen werden, ohne alte zu verdrängen.“
Emissionshandel: „Die osteuropäischen Staaten haben nach 1990 ihre Treibhausgas-Emissionen stark reduziert – nicht mit Absicht, sondern weil ihre Industrien nach dem Ende des Realsozialismus eingebrochen sind. Ähnliches gilt für Grossbritannien. Ohne Handel käme dieser Entwicklung dem Klima zugute; mit Handel können die betreffenden Staaten ihren Überschuss verkaufen. Der Jargon spricht in diesem Fall mit ungewohnt treffender Ironie von ‚heisser Luft’“.
Hänggi führt uns immer wieder zu seinem zentralen Bild: „Noch einmal: Ein Brunnen speit aus Milliarden Rohren Wasser. Wie reduziert man den Wasserdurchfluss? Indem man die Zuleitung drosselt. Erdöl, Erdgas und Kohle müssen rationiert werden.“
Er fordert schlicht einen gesellschaftlichen Wandel. Weg von Wirtschaftswachstum und Konsum, hin zu Langsamkeit, Lebensgenuss – und Faulheit.
Nichts illustriert das von Hänggi skizzierte Dilemma besser als die aktuellen Milliardenforderungen der drei Autoriesen GM, Ford und Chrysler. Die Autoverkäufe sind um über einen Drittel eingebrochen – auf den Stand von 1982. Ein Segen für das Klima! Eine Gesellschaft, die von Konsum lebt und in der Arbeitslose ein Problem sind, kann dies jedoch nicht zulassen. Jim Press, Präsident von Chrysler: „Unsere Botschaft ist einfach: Es geht um Arbeitsplätze und darum, den american way of live zu retten. Wir sind eine Gesellschaft von Konsumenten. Da ist es lebenswichtig, dass die Menschen arbeiten können und produzieren.“
Der letzte Teil des Buches ist mit „Wege in eine postfossile Gesellschaft“ überschrieben. So treffend Hänggis Analyse ist – und dafür lohnt sich das Buch, so diffus sind seine Lösungsansätze. Das ist ihm nicht zu verdenken. Neue Gesellschaftsordnungen zu entwerfen macht sich heute niemand mehr die Mühe. Hänggi fordert deshalb zurecht, die Kultur- und Sozialwissenschaften müssten sich mehr mit dem Klimawandel befassen. Letztlich sind wir aber alle gefordert, wieder etwas mehr Sinn für Utopien zu entwickeln.
Übrigens: Als Ende des 19. Jahrhunderts der selbstgemachte Treibhauseffekt entdeckte wurde, freute man sich. Die Forschergemeinde befürchtete eine aufziehende Eiszeit.


“Als Ende des 19. Jahrhunderts der selbstgemachte Treibhauseffekt entdeckte wurde, freute man sich. Die Forschergemeinde befürchtete eine aufziehende Eiszeit.”
Hallo
das war vor allem Svante Arrhenius ganz alleine (fuers Entdecken und fuers Freuen). Die schon kurz danach ausgefuehrten falsch interpretierten Experimente zu IR Absorption liessen seine Hobby-Idee gleich wieder voellig verschwinden. Erst 1938 kam das Thema mit Guy Stewart Callendar wieder auf den Tisch und der war auch gleich schon besorgt.
Georg