Je besser die Bevölkerung über Nanotechnologie informiert ist, umso eher wird sie künftige Anwendungen unterstützen. Diese naive – und unterschwellig doch immer wieder geäusserte – Hypothese haben US-amerikanische Forscher um Dan Kahan von der Yale Law School nun widerlegt. Sie fanden vielmehr, dass Information (dabei handelte es sich allerdings nur um schriftliche Unterlagen) keinen Einfluss darauf hat, ob Probanden die Vorteile der Nanotechnologie höher gewichten als die Risiken. Das stimmt jedoch nur für die Durchschnittswerte. Analysierten die Forschenden die Resultate gemäss der Weltanschauung der Probanden, zeigte sich ein ganz anderes Bild. Sie teilten die Probanden in zwei Gruppen: die individualistisch denkenden und jene, die das Gemeinwohl in den Vordergrund stellen. Solange die Probanden praktisch nichts über Nanotechnologie wussten, überwogen in beiden Gruppen für 61% die Vorteile. Nach Erhalt eines Infoblattes über Chancen und Risiken öffnete sich die Schere jedoch deutlich: Während bei den Individualisten die Zustimmung um 25% auf 86% stieg, brach diese bei den egalitär Denkenden auf 23% ein. Das gleiche Bild zeigt eine zweite, im gleichen Heft veröffentlichte Studie: Religiöse Menschen halten die Nanotechnologie demnach eher für moralisch problematisch als Nicht-Religiöse.
Die Resultate entsprechen einer Binsenweisheit in der Kommunikationswissenschaft: Menschen nehmen Information nicht auf wie leere Kübel, sondern sie gewichten Information und akzeptieren vor allem jene Inhalte, die in ihr Weltbild passen.
Was bedeuten die Resultate für die Nano-Debatte? Aufgekommen in einer Zeit, als die Schützengräben in Sachen Gentechnologie bereits ausgehoben waren, wird die Nano-Debatte seit Jahren offen und breit geführt: der Nano-Dialog der EMPA, das Nanopublic der Lausanner Unis, die TA-SWISS und weitere. Im April 2008 hat der Bundesrat den Aktionsplan „Synthetische Nanomaterialien“ verabschiedet. Die Folge: Die Bevölkerung ist eher positiv eingestellt, die TA-SWISS spricht von kritisch-positiv. Die Studie lässt nun vermuten, dass dies nicht so bleiben und die Nano-Debatte in die alten Fahrrinnen früherer Debatten geraten wird. Heute werden unter Nanotechnologie Anwendungen meist solche der so genannten 1. Generation (synthetische Nanomaterialien etwa zur Oberflächenbehandlung) verstanden. Dabei ist die Skepsis bezeichnenderweise bei Lebensmitteln besonders gross. Rücken künftig Anwendungen der 2. Generation, die mit der Biotechnologie verschmelzen, ins Bewusstsein, werden sich wohl die alten Gräben wieder öffnen.
Damit ist nicht die Nano-Debatte an sich in Frage gestellt. Ein offener Dialog über neue Technologien sollte selbstverständlich sein und trägt wohl zu einer differenzierten Wahrnehmungsweise bei. Debatten taugen jedoch nicht zur Akzeptanzbeschaffung.
Nature Nanotechnology, Vorabpublikation vom 7. Dez 08


Ein offener, kritischer Dialog über die Chancen und Risiken von neuen Technologien muss selbstverständlich sein.
Die drei Thesen der Akademien der Wissenschaften Schweiz für eine interdisziplinäre Nanotechnologie sind deshalb begrüssenswert (22.9.2008: Thesen zur Nanotechnologie), ebenso das NFP 62 (Startschuss Januar 2010: Intelligente Materialien).
Die drei Thesen der Akademien der Wissenschaften Schweiz lauten:
These 1:
Im Bereich der Nanotechnologie braucht es Forschung, die von den Interessen der Privatwirtschaft unabhängig ist.
These 2:
Im Bereich der Nanotechnologie braucht es eine integrierte Grundlagen-, Risiko- und ELSI -Forschung.
These 3:
Der Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft muss von den Forschenden proaktiv und als Teil ihrer Grundaufgabe
geführt werden.
Quelle:
http://www.akademien-schweiz.ch/downloads/Thesen_dt.pdf