Bei manchen Dingen frage ich mich, weshalb ich mich das noch nie gefragt habe. So ging es mir am Café Scientifique am 14. Dezember in Basel. Ist es nicht selbstverständlich, dass unsere Schriftsprache eng mit der gesprochenen Sprache verknüpft ist? Dass wir mit Zeichen und deren Kombinationen versuchen, Laute darzustellen? Und dennoch ging ich davon aus, dass Schreiben und Lesen für Gehörlose problemlos zu erlernen ist. Dies ist natürlich falsch, wie Gisela Fehrmann von der Universität Bonn ausführte.
Die Forscherin schilderte eindrücklich, wie in unserer Gesellschaft Gehörlosen die Bildung erschwert wird. Die Gebärdensprache wäre genauso ausdrucksstark wie die gesprochene Sprache, sagte Fehrmann. Gehörlose hätten aber oft ein ausgeprägtes Bildungsdefizit. Das beginnt bei vielen schon im Säuglingsalter, wenn gehörlose Kinder bei hörenden Eltern aufwachsen. Sind die Eltern ebenfalls gehörlos, dann würden die Säuglinge mit den Händen „brabbeln“ und die Eltern reagieren bei sinnigen Gebärden und verstärken diese dadurch. Bei hörenden Eltern funktioniert dies nicht.
In der Schule ist für Gehörlose das Erlernen der Schriftsprache eine Bildungshürde. Fehrmann erzählte von einem laufenden Versuch in Nicaragua, wo taube Kinder mit SignWriting (Bild “SignWriting” in SignWriting) unterrichtet werden. Bei dieser Schriftsprache, in den 70er Jahren von einer Tänzerin entwickelt, entsprechen die Zeichen Elementen von Gebärden. Wie sich dies auf die Entwicklungsmöglichkeiten auswirke, werde mit Spannung erwartet, sagte Fehrmann.
Die Veranstaltung stand unter dem Titel „Am Anfang war nicht das Wort“. Tatsächlich geht man laut Fehrmann heute davon aus, dass Sprache als Gebärdensprache, möglicherweise unterstützt durch Laute, begonnen hat. Die These leitet sich aus Untersuchungen bei Primaten ab: Ihre Gestik ist bedeutend reicher als ihre Rufe, ihre Hände flexibler als das Lautäusserungssystem.
Auch bei hörenden Kindern ist am Anfang nicht das Wort. Die Kleinen bräuchten gar eigentliche Statistik, um in einem Sprechschwall die Wortgrenzen ausmachen zu können, sagt Heike Behrens, Spracherwerbsforscherin an der Universität Basel. Sie nahm ein englisches Beispiel. Die Säuglinge hören ständig die Worte pretty und baby in allen möglichen Kombinationen. Dabei merken die Kleinen, das die Silben „pre“ und „tty“ häufiger aufeinander folgen als „tty“ und „ba“. Dass Säuglinge kleine Statistiker sind, konnten Forschende nachweisen, indem sie den Kleinen sinnlose Silbenfolgen vorsagten. Daraufhin reagierten die wenige Monate alten Säuglinge auf häufige Silben stärker als auf seltene.
Dabei ist Behrens entgegen landläufiger Meinung nicht davon überzeugt, dass Säuglinge Erwachsenen im Erlernen von Sprachen grundsätzlich überlegen sind. Sie zählte eine lange Liste von Heimvorteilen der Kleinen auf:
- Sie dürfen eineinhalb Jahre einfach mal zuhören.
- Alle sprechen mit ihnen, obwohl sie nicht antworten können.
- Sie haben ein soziales Umfeld, dass Lernerfolge ideal verstärkt.
Mit Erwachsenen bringt niemand diese Geduld auf. Die Frage aber, ob sich die Muttersprache grundsätzlich von später erworbenen Sprachen unterscheidet, konnten die Forschenden nicht beantworten. Ein Unterschied lässt sich jedoch ausmachen: Im Alter von 2 bis 3 Jahren fokussiert das Hörsystem auf relevante Laute und verlernt, andere zu unterscheiden. So ist es für asiatisch sprechende Menschen auch nach jahrelangem Sprachtraining schwierig, „raus“ von „Laus“ zu unterscheiden (wobei der Kontext ihnen da meist rasch auf die Sprünge hilft).
Auch im Alter lasse sich eine Sprache gut erlernen, meinten die Forscherinnen unisono. Das Gehirn von gesunden Alten sei ebenso lernfähig wie jenes von gesunden Jungen, sagte Cordula Nitsch vom Anatomischen Institut in Basel. Das Problem sei eher die Konzentrationsfähigkeit, die im Alter wegen Schlafproblemen nachlasse – und oft auch der fehlende Drive. Selbst Männern machte Nitsch Mut. In grossen Studien gebe es keine Geschlechtsunterschiede in der Sprachfähigkeit.
Mein Fazit: Wie alt Sie auch sind, lernen Sie zumindest etwas Gebärdensprache!

