Alles wird Nano. Nano ist in. Die vier Buchstaben hängten sich in den vergangenen Jahren vor fast jeden Wissenschaftszweig. Auch die Medizin hat es erfasst – die Nanomedizin ist entstanden. Und dies mit gutem Grund, wie die ReferentInnen PD Dr. Patrick Hunziker (Kardiologie, Kantonsspital Basel), PD Dr. Cora-Ann Schönenberger (M.E. Müller Institut für Strukturbiologie, Biozentrum Basel) und Dr. Martin Bammerlin (Concentris, Basel) am Café Scientifique Basel überzeugend ausführten.
Dabei ist Nano nichts als eine Grössenordnung (einen Milliardstel Meter), die so unvorstellbar klein ist, dass der Mensch Vergleiche braucht. Bei Patrick Hunziker ist es der Apfel im Vergleich zur Erde. Martin Bammerlin zog den Haarwuchs herbei: Rasiert man sich und gleitet mit dem Apparat von einem Ohr zum andern, so sind die Haare beim „Erstohr“ in der Zwischenzeit um 10 Nanometer gewachsen.
Weshalb aber braucht die Medizin Nano? „Leben ist Nano“, sagt Hunziker, Gründer und Präsident der „European Foundation for Clinical Nanomedicine“. Zellen und ihre Organellen wie Mitochondrien, aber auch Bakterien und Viren operieren im Nanobereich. In der Grössenordnung beginnen auch viele Krankheiten, oft lange bevor Symptome auftreten. Nanomediziner machen also nichts anderes, als die Grösse der Reparaturinstrumente anzupassen. Oder umgekehrt ausgedrückt: Die heutige Medizin versucht entweder mit Baggern Uhren zu reparieren (Operationen) oder mit einer Sintflut einen Hausbrand zu löschen (Medikamente). Letztlich fusst die Nanomedizin auf der Erkenntnis, dass Lebewesen und ihre Bausteine, die Zellen, bis in den Nanobereich hochstrukturiert und nicht einfach eine Art Suppentopf mit einem bunten Gemisch von Molekülen sind.
Die möglichen Vorteile der Nanomedizin zeigen sich bei den so genannten Nanocontainern exemplarisch. Hunzikers Forschungsgruppe ist darauf spezialisiert. Die Grundidee: Nanocontainer sind winzige, hohle Tröpfchen, die innen ein Medikament tragen und an der Oberfläche Schlüsselmoleküle haben, die gezielt in bestimmte Schlössermoleküle etwa auf Krebszellen passen. Theoretisch werden bei der Behandlung nur kranke Zellen mit dem Medikament vergiftet. Gesunde Zellen bleiben unberührt, womit Nebenwirkungen drastisch gesenkt werden können. So die Hoffnung. Bereits würden klinische Studien zu verschiedenen Krebsarten laufen und dies mit Erfolg, sagt Hunziker.
Eine andere Art von Nanopartikeln hat die Gruppe von Cora-Ann Schönenberger entwickelt. Sie spricht von Bio-Nanopartikeln. Dies sind bestimmte Eiweisse, die sich spontan zu geordneten Partikeln zusammenlagern und dann ähnlich wie Viren aussehen. Kein Wunder also reagiert das körpereigene Abwehrsystem massiv auf diese Nanopartikel. Dies könnte künftig hocheffiziente Impfstoffe ermöglichen oder die Produktion von Antikörpern für die Diagnostik.
Auch in der Nanodiagnostik arbeitet Schönenbergers Team. Die Forschenden nutzen so genannte Atom-Kraftmikroskope. Dabei drücken sie mit einer extrem feinen Metallspitze auf einzelne Zellen und prüfen ihre Elastizität – in etwa so, wie man beim Braten durch Draufdrücken prüft, ob ein Fleischstück durch ist. Ihre interessanten Befunde: Bösartige Tumorzellen sind härter als gutartige und weiche Knorpel deuten auf Osteoarthritis.
Ebenfalls auf das Feld der Nanodiagnostik schielt die Basler Biotechfirma Concentris. „Unsere Geräte werden bereits in Forschungslabors weltweit eingesetzt“, sagt Martin Bammerlin. Das Herzstück sind hauchdünne Blattfedern, 100mal dünner als ein Haar. Damit lässt sich im Prinzip sowohl die Anziehungskraft von Molekülen messen als auch Bakterien nachweisen. Bammerlin schildert als Beispiel den Nachweis von Antibiotikaresistenzen, ein rasant wachsendes Problem in Spitälern. Bislang werden dazu Bakterien des Patienten auf einen Nährboden gegeben und lokal mit verschiedenen Antibiotika betropft. Wachsen die Bakterien dennoch, sind sie gegen das Antibiotika resistent. Die Tests funktionieren gut, dauern aber einen Tag. Mit dem Concentris-Ansatz lässt sich dies auf 2 Stunden reduzieren. Setzt man die Bakterien auf eine Blattfeder – plus Nährboden und Antibiotika – kann man das Wachsen der Bakterien bereits anhand weniger Zellen nachweisen. Noch funktioniert dies aber erst in Forschungslabors.
Nano klingt nach Hightech. In der Diskussion im Café Scientifique war deshalb eine Frage, wie man „Nano für alle“, auch für die 3. Welt, erreichen kann. Hunziker gab sich überzeugt, dass Nanomedizin weltweit zur Anwendung käme. Die Technologie würde zum einen in der Massenproduktion günstiger. Zum anderen sei Nano nicht unbedingt teuer. In der Nanodiagnostik komme man etwa mit weniger Reagenzien aus und die Tests seien schneller als bei herkömmlichen Ansätzen.
Und wann hält die Nanomedizin Einzug in die Klinik? Einig waren sich die ReferentInnen, dass die Nanodiagnostik wohl schon in einigen Jahren zum Einsatz käme. Wann wir jedoch breit von nanomedizinischen Therapien profitieren werden, konnte niemand voraussagen.
Die Nanomedizin werde die Welt voraussichtlich stark beeinflussen, glaubt Hunziker, weil dadurch die durchschnittliche Lebensspanne verlängert werde. Dies könne Ängste auslösen, aber auch überhöhte Erwartungen. So beflügle die Technologie etwa Ideen wie den Transhumanismus, die Verbesserung des Menschen. (Lesen Sie dazu auch: „Die Gesellschaft taumelt in der Pro-Aging-Trance“ und „Verlasst euch bei Enhancements nicht aufs Bauchgefühl!“.)
Hunziker ist eine differenzierte und nüchterne Darstellung wichtig. Es liege noch viel Arbeit vor uns, sagt Hunziker im persönlichen Gespräch. So wisse noch niemand, wie man Nano-Container im grossen Massstab herstellen könne. Zudem seien die klinischen Prüfprotokolle erst am Entstehen. Was etwa ist bei Nanocontainern eine Dosis? Wie sollen die toxikologischen Studien durchgeführt werden? Muss jeder Nanocontainer geprüft werden, was eine personalisierte Medizin verunmöglichen würde, oder reicht es, die Einzelteile zu testen? Die Diskussion hat erst begonnen.
Was halten Sie von der Nanomedizin? Schreiben Sie Ihre Hoffnungen, Befürchtungen und Fragen zum Thema Nanomedizin unten ins Kommentarfeld.


Auf alle Fälle sind die Erwartungen schon wieder sehr gross: Letzten Freitag konnte sich der zuständige Economist-Redakteur oder die Kollegin einen alten Traum erfüllen und seine zweitliebste Schlagzeile (nach ‘Schwarze Löcher helfen Krebs heilen’) einsetzen: ‘Mit Nanotechnologie Krebs heilen’. Vgl http://www.economist.com/science/displaystory.cfm?story_id=12551598
Schon ganz wild, wie man anscheinend mit Leichtigkeit in diese Megamikro-Welt vorstossen und dort auch gewünschte Ziele erreichen kann. Und wie gerade in Basel auf diesem Feld so viel los ist. Wieder einmal sind da “magic bullets” oder Zauberkugeln unterwegs, die nur ein Ziel und das supergenau treffen sollen. Das hat sich schon Georges Köhler mit den von ihm “erfundenen” monoklonalen Antikörpern ausgedacht gehabt. Der “Basler” Nobelpreisträger am von Roche unterhaltenen Basel Institut für Immunologie sprach damals in seinem kleinen Büro an der Grenzacherstrasse davon, dass man seine auf ein spezifisches Ziel zugeschnittenen Antikörper-Klämmerchen doch mit Medikamenten beladen und so ans Ziel bringen könnte. Soviel ich weiss, klappt das sogar bei bestimmten Anwendungen. Allerdings darf man nicht vergessen, dass da weit unten in der wunderbaren Mikrowelt der Zellen links und rechts tausend Nanos am Werk sind, die dazwischen funken könnten und in komplizierten Netzwerken zusammenspannen. Umso spannender herauszufinden, wie es funktionieren könnte.
Vieles ist in der Nanomedizin einfach zeitgemäss verpackt worden. Spannend und vielversprechend finde ich aber das Ingenieurs-mässige Herangehen der Nanomediziner. Schon die Molekularbiologie bzw. die Genetik ist erst richtig nachvollziehbar geworden, als sich Physiker ihrer angenommen haben. Das könnte auch mit Nano passieren, dass da die Träume der guten alten molekularen Medizin realisiert werden. Es wird sich dabei auch zeigen, ob wir schon genug von Krankheiten verstehen, um sie so gezielt heilen zu können.
Das seh ich etwas kritischer. Ich finde gerade das hinter der Nanotechnologie steckende Ingenieur-Konzept etwas banal. Die berechnen Kräfte und Prozesse auf Molekül- bis Atomebene, was sicher herausfordernd ist. Aber den biologischen Vorgängen und Entwicklungen wird man so nicht wirklich gerecht. Ich frage mich, ob sich so neue biologische oder medizinische Erkenntnisse gewinnen lassen zum Beispiel zur Funktionsweise des Genoms. Ohne Genetiker bleibt die nanotechnisch in Rekordzeit durchbuchstbabierte DNA bedeutungsleer. Die biologischen Fragen und Hypothesen finde ich eigentlich spannender, wenn dann die Nanomediziner – oder Biologen zur Lösung beitragen, umso besser.
Das Ingenieurskonzept ist wohl tatsächlich noch etwas banal (siehe die 7 Herausforderungen unten), aber das kann ja noch werden. Bislang sind therapeutische Ansätze meist Abfallprodukte der Grundlagenforschung, welche dann in die pharmazeutische Entwicklung gegeben werden. Dass nun eine Art Bioingenieurswesen aufgebaut wird und dies, was bisher in der Entwicklung passiert, in die Grundlagenforschung einfliesst, finde ich spannend. Für mich ist auch klar, dass diese Forschung nicht die biologische Grundlagenforschung verdrängen sollte. Man muss schliesslich sehr viel von der Biologie verstehen – und in vielen Fällen wohl mehr als heute – um nanomedizinisch eingreifen zu können.
In einem Nature-Paper von Mai 2008 haben 4 Autoren – 3 sind von der Food and Drug Administration (FDA) – die 7 Herausforderungen der Nanomedizin formuliert:
1. Bestimmung der Verteilung von Nano-Carriern im Körper
2. Visualisierung der Biodistribution
3. den Transport über Kompartimentsgrenzen im Körper verstehen (auf Organ und zellulärer Ebene)
4. Mathematische Modelle und 5. Computermodelle entwickeln, um ein Periodensystem der Nanopartikel zu erstellen, womit sich Nutzen und Risiken abschätzen lassen
6. Erarbeitung von Standards und Testprotokollen zur Entwicklung neuer Klassen von Materialien
7. Realisierung eines analytischen Toolkits zur nanopharmazeutischen Produktion
Das ist bei diesem Thema meines Erachtens der Punkt (Beiträge 4 und 5). Unser Verständnis der biologischen Grundlagen müsste für die effektive Anwendung solch neuer Methoden noch deutlich ausgereifter sein als bisher. Aber das kann ja werden und spannend ist es alle mal. Trotzdem sollte man nicht übersehen, dass beispielsweise monoklonale Antikörper für die Krebsbehandlungen in klinischen Studien bisher eher schlecht abschneiden. Die Frage inwiefern das Konzept der sehr spezifischen ortsgenauen Therapie also unseren Körper und die im Industriezeitalter vorherrschenden chronischen Krankheiten mit multiplen Ursachen und phathologischen Ansatzpunkten überlisten kann, ist meines Erachtens noch nicht geklärt.
Das Nanokonzept ist nebst anderem eine Marketing-Geschichte: Wenn ich lese, dass durch die Nanomedizin die durchschnittliche Lebensspanne verlängert werde, dann geht es hier nicht um eine seriöse Aussage, sondern darum dem Nano, neben dem «Bio», dem «Gen» und anderen Buzzwords eine starke Position zu verschaffen. Die durchschnittliche Lebenserwartung wurde historisch gesehen durch zwei Dinge wesentlich verlängert: 1. die Hygiene und 2. die Krankheitsversorgungssysteme. Beide kann man nicht unbedingt als Hightech bezeichnen.