Bildung braucht Geduld. Auf eine ganz neue Art und Weise ist mir das am Mittwoch bewusst geworden. Ich fuhr mit dem Zug nach Venedig. In Milano Lambrate blieb er stehen, was wenige verwunderte. Erst als Rauchschwaden dem Zug entlang strichen, blickten einige raus. Streik! Etwa 200 StudentInnen hatten sich auf die Bahngeleise gesetzt und die Durchfahrt mit Bannern gesperrt. Obwohl sie uns fast eine Stunde da warten liessen, hat sich im Zug kaum jemand enerviert. Viele schienen das Anliegen zu unterstützen.
Der Grund für unsere Warterei lag in Rom. Das Parlament beriet über eine Gesetzesvorlage der Erziehungsministerin Mariastella Gelmini (und nahm sie schliesslich an). Die Regierung Berlusconi möchte sparen, bei der Bildung. Wozu brauchen ItalienerInnen noch Bildung, wenn sie doch seine Fernsehkanäle haben? 87.000 Lehrerstellen (fast jede 5.) und 44.000 administrative Stellen im Bildungswesen werden abgebaut. Soviel ist klar. Ansonsten höre ich: Auch bei den Universitäten soll gespart werden. Privatschulen sollen gestärkt werden. Die Ganztagesschule soll aufgeweicht werden. Klassengrössen bis 35 Kinder würden anvisiert. Auch wenn die Folgen des neuen Gesetzes erstaunlich unklar sind, der Tonfall ist unmissverständlich. Laut NZZ hat Gelmini gefordert, dass die «Schule der Ernsthaftigkeit, des Verdienstes und der Erziehung» zurückkehre. Das klingt wie ein schlechtes Echo der SVPschen Hatz auf Harmos.
Millionen gingen in den vergangenen Tagen für die Bildung auf die Strasse. Zu recht, schaut man sich die miserablen Indikatoren Italiens zu Forschung und Innovation an – als Beispiel eine Grafik aus dem „OECD Science, Technology and Industry Outlook 2008“:


