„Entscheidungsträger sollten uns wahrnehmen“, fordert Phil Robertson von der Michigan State University. Zusammen mit 22 weiteren Expertinnen und Experten hat er im Wissenschaftsmagazin Science (3. Okt) ein Pamphlet gegen die heutige Bio-Treibstoff-Politik veröffentlicht. Laut Medienmitteilung sei es eines der ersten Male, dass eine so grosse und diverse Gruppe von international anerkannten Wissenschaftern sich mit einer Stimme zu dem Thema geäussert hätten.
In der Kommunikationswissenschaft besagt eine Binsenwahrheit, dass, möchte man die Handlungen von Menschen ändern, man sagen muss, was sie tun sollen. Und nicht nur, was es zu vermeiden gilt. Die gemeinsame Stimme scheint aber gerade da zu versagen, wo es darum geht, wie man nun nachhaltig Biotreibstoffe produzieren könnte. Die Schrift lässt kein gutes Haar an Biotreibstoffen aus Mais oder Weizen und stellt nur resigniert fest, dass weltweit schon so viele Verarbeitungsanlagen stehen, dass mindestens für eine weitere Dekade ein Grossteil der Produktion in Autos verpufft. In den USA etwa wird 2008 über 30% der Maisproduktion zu Treibstoff verarbeitet.
Auch beim Hoffnungsträger „Treibstoff aus Zellulose“ führt die Gruppe eine lange Liste von möglichen Problemen auf. Der Kern des Problems: Um weltweit einen bedeutenden Anteil der Energie aus Bio-Treibstoffen zu produzieren, braucht es viel Land, möglicherweise ebenso viel wie für die heutige Landwirtschaft.
Was aber soll man nun machen? Die einzige Handlungsanweisung der Gruppe heisst Forschung. Man müsse systemische Ansätze entwickeln, die vom Ökosystem bzw. von der Biodiversität abhängigen Dienste besser untersuchen und die Konsequenzen von Policies auf allen Stufen abschätzen. (Interessanterweise schreiben die Forschenden nur zwei Absätze später, man wisse genug, um nun mit der Formulierung von Policies zu beginnen.)
Forschung auf dem Gebiet ist ausser Zweifel dringend nötig. Weshalb aber konnte sich die Gruppe nicht auf konkrete Handlungslinien einigen? Glauben einige der Forschenden, dass Bio-Treibstoffe nie in grösserem Umfang nachhaltig produziert werden können? Beim Lesen des Artikels kriege ich zumindest den Eindruck, dass die Welt einfach zu klein ist, um gleichzeitig genügend Lebensmittel und Bio-Treibstoffe zu produzieren.


Die Welt ist wahrscheinlich nicht zu klein, aber zu unkoordiniert. Da werden in einem heurekamässigen Ansatz Biofuels stark subventioniert und gefördert, um wenige Jahre später die Handbremse zu ziehen. Dass es schlicht Blödsinn ist, mit dem Anbau für Biofuels die Lebensmittellandwirtschaft zu konkurrenzieren, hat nun der Hinterletzte auch gemerkt. Dazu gibt es aber auch Alternativen, an denen gearbeitet wird: Ausscheidung von Anbauflächen, die für die konventionelle Landwirtschaft nicht geeignet ist; Entwicklung von Pflanzen, die nur für Biofuels geeignet sind, etc.
Dass die Forschenden, wenn es um Lösungsvorschläge geht, immer wieder nach Forschung rufen, ist ein verständlicher Reflex, den man aber tunlichst unterdrücken sollte. Wenn aber Forschende unter sich bleiben, um ein globales, politisches, soziales, oekologisches Problem zu lösen, muss man sich nicht wundern, wenn dabei wenig Phantasievolles herauskommt.