Wars wirklich fair, den Retroviren-Pionier und Aidsforscher Robert C. Gallo nicht aufs Nobel-Ticket zu nehmen? Die “Ohrfeige” war wohl Quittung für lang zurückliegende Querelen und Streitigkeiten. Oder gar für zu penetrantes Lobbying?
Stefan Stöcklin hat schon recht, wenn er schreibt, dass einem Robert Gallo fast leid tun müsse, wie er bei der Vergabe des Medizinnobelpreises übergangen wurde. Zwar herrscht die Meinung, es sei Montagniers Team in Paris gewesen, das als erstes von der Entdeckung des richtigen Virus berichtet hatte, aber Gallo war ziemlich gleichauf und hatte sicher die Vorlage gegeben. Ohne Gallos Vorarbeit auf dem Gebiet der Retroviren wären Montagnier und seine Crew am Institut Pasteur wohl nicht so rasch erfolgreich gewesen.
Schon 1987 hatte Gallo anscheinend seine Ansprüche zurückgenommen. Im Dezember 1987 hatte er in einem Interview mit Ueli Goetz für die Basler Zeitung ausdrücklich betont, dass die Gemeinschaft der Aidsforschenden hervorragend zusammen arbeite, dass er nicht im Streit mit Montagnier liege, keine Behauptungen aufstelle und alles, was man wissen müsse, in wissenschaftlichen Publikationen dokumentiert sei. Gerade, so sagte er damals, hätten zwei Mitarbeitende aus Paris in seinem Labor angefangen und erhielten alle Unterstützung. Im gleichen Atemzug lobte er Luc Montagnier als hervorragenden Wissenschafter (was er noch heute tut), mit dem er laufend zusammenarbeite. Die Forschung habe unter dem angeblichen Streit “keine Sekunde” gelitten. (Gallo und Montagnier haben denn auch eine ganze Reihe von gemeinsam verfassten Papers veröffentlicht, in denen sich beide jeweils Kredit geben.)
Gut, zu diesem Zeitpunkt hatte es schon eine von oben gelenkte Einigung über die
Rechte am Aidstest gegeben, die darin bestand, dass man beide als Erfinder und
Entdecker anerkannte. Und noch hatte das Office of Research Integrity seine Untersuchung nicht begonnen, die zwar mit einer Art Schuldspruch endete, der dann aber aufgehoben wurde. Doch semper aliquit haeret, etwas bleibt immer hängen.
Diese Begleiterscheinungen haben Gallo wohl für immer einen Anstrich des Unlauteren gegeben. Der ziemlich mitteilungslustige Virologe war schliesslich auch 1984 mit der US-Gesundheitsministerin aufgetreten, um sozusagen das Ende der Aids-Plage anzukündigen (weil bald ein Impfstoff zur Verfügung stehen würde). Im Nachhinein eine eher peinliche Sache. Sie hatte allerdings ein erhebliche Wirkung auf die Aids-Debatte und die Umsetzung von Vorsichtsmassnahmen. Er war nicht der einzige, der sich da irrte.
Der Pariser Partner aber blieb eher still. Von aussen jedenfalls bot sich eine Zeitlang das Bild des eher zurückhaltenden kleinen Franzosen, der das Opfer des lauten grossgewachsenen und grossprecherischen Amerikaners wird.
Da passte dazu, dass Montagnier, als er 1986 beim Friedrich Miescher-Institut

Luc Montagnier im Royal mit Prof. Max Burger (Mitte), dem damaligen Direktor des Friedrich Miescher-Instituts.
einen Vortrag hielt (um dann gleich wieder nach Paris an eine grosse Aids-Debatte am Fernsehen zurückzueilen), sich im Gespräch partout nicht zum angeblichen Streit und seinem Standpunkt äussern wollte. Das Interview in der Basler Zeitung blieb denn auch ziemlich im Ungefähren.
Wenn es jetzt heisst, das Nobelkomitee habe “einen Schlussstrich” gezogen und gezeigt, wem aller Verdienst zukommt, dann geht das vom Irrschluss aus, die Stockholmer Gremien hätten sozusagen das letzte Wort in diesen Dingen. Im Effekt mag ihre Preisvergabe so wirken, in Tatsache aber bleibt manches im Dunkel, was da auf Grund welcher Dokumente verhandelt wird, und sind Irrtümer nicht ausgeschlossen.
Der “Scientific American” zählt allein 10 Fälle auf, in denen bei der Vergabe des Preises Forschende übergangen wurden, die ebenso ausgezeichnet hätten werden müssen. Der jüngste Fall ist die RNA-Interferenz.
Eine Rolle bei der Wahl aber mag auch spielen, wie diejenigen denken, die jemanden für einen Nobelpreis vorschlagen dürfen. Es sind dies die Nobelpreisträger selber und eine exklusive Schar von Auserwählten, die jeweils ihre Dossiers schicken dürfen. Wer immer auf einen Nobelpreis spekuliert, tut gut daran, mit diesen Leuten auf gutem Fuss zu stehen.
Kari Mullis, 1983 für die Erfindung der PCR-Methode von Stockholm geehrt und kürzlich auf Besuch in Basel,

Kari Mullis in der Lobby des “Les Trois Rois” in Basel
gehört zu jenen, die nicht an ein HI-Virus als Alleinursache des Aid-Syndroms glauben wollen. In einem Gespräch hat er mir nicht nur ausführlich erklärt, warum er diese Ansicht habe, sondern sich auch nebenbei darüber mokiert, dass Robert Gallo ausgerechnet ihm seine Freundschaft angetragen und ihn mit Dokumenten bedient habe, die wohl zeigen sollten, dass er den Nobelpreis verdiene. Das war vor bald zehn Tagen, da wusste man noch nicht, wer den diesjährigen Medizinnobelpreis erhalten wird. Vielleicht kann zu direktes Lobbying schädlich wirken.
(Mullis wäre allerdings wohl der Letzte, den man Sachen Aids fragen oder hören würde.)
Es wäre aber auf jeden Fall keine Schande und wohl fair gewesen, Gallo mitzuehren und damit wirklich “den Schlusstrich” unter den Streit zu ziehen. Angesichts der Bedeutung von Aids hätte sowieso ruhig der ganze Preis diesem Gebiet gehören dürfen. Aber Stockholm locuta, causa finita. Zumindest, was den Nobelpreis betrifft.


Hier ein Ausschnitt der Q&A Seite des Nobelpreiskomitees, es antwortet Professor Hans Jörnvall, Secretary of the Nobel Committee for Physiology or Medicine:
Question: Dr Robert Gallo was excluded from this year’s award. Was it that he was not nominated? Was it that you concluded that he did not have a part in the discovery of HIV?
Answer: No-one is excluded (your word!) from any award any year. Dr Robert Gallo is an excellent researcher who has made many important contributions to science.
– Who were nominated or not, we are inhibited to disclose according to our Statutes.
– Regarding discoveries recognized, our Statutes state that they must be published or else reported to the scientific world. Otherwise they are not official and not available to evaluations. Therefore, regarding any discovery we always scrutinize the authors of the original publications.
– The present Awardees are three of the authors.
– Of course, we realize that non-authors or generally available concepts might also be contributing in one way or another each year, but for general recognition as an official discoverer it is difficult to include non-authors on the original publications of new discoveries.
Question: Why wasn’t co-discoverer of HIV Dr Robert Gallo awarded the prize also?
Answer: Please see the previous answer.
Question: Why no recognition of Dr Gallo for his great and important HIV work? I am wondering why Dr Robert Gallo was not recognized for his contribution on HIV research. Although he may not be the first one to discover the virus, he is the first one to link HIV to AIDS. I believe the name of HIV was proposed by his group as well. I am very disappointed with the unfair selection process this year.
Answer: Please see the previous answer. Also, please notice that the present award was recognizing the discovery of the virus. We did not quote the discovery (but also not denying it) as being detection of the link between the virus and the disease, neither as recognizing contributions to HIV research in general, or to the naming of the virus. We are sorry if you are disappointed, but we cannot satisfy all opinions, only recognize what we consider as a decisive step, and the discovery of the virus is a decisive step, as quoted.
Sehr geehrter Herr Hicklin und sehr geehrter Herr Stöcklin
Gemäss Ihrer beider Beurteilung müsste Herr Prof. Gallo einem Leid tun. Ein ausführlicher Bericht, wer damals unter welchen Bedingungen in den USA und in Paris geforscht hat, findet sich in dem Buch (Recherchierjournalismus) “And the Band played on. Politics, People and the AIDS Epidemic” von Randy Shilts, seelig. Ich hatte das Glück, Dr. D. Francis, seinerzeit Retrovirologe am CDC,in einem einwöchigen Kurs zu dem Thema, zu begegnen. Das Buch wurde sogar verfilmt. Die entscheidenden Schritte für die Isolation des Virus wurden von Frau Dr.Françoise Barré-Sinoussi geleistet – da sich HIV in Zellkulturen anders verhielt als HTLV (Virus, der von Prof. Gallo untersucht wurde). Vgl. auch Schweiz. Med. Forum 2009;9(10):218 resp. Lancet 2008;372: 1373,1374,1377.
Wenn Sie spannende “wissenschaftliche” Unterhaltung und kritische Filme lieben, kann ich “And the Band played on” nur empfehlen. Kam leider nicht früher dazu, zu antworten. Wenn Sie den Film gesehen haben, ist vielleicht auch klar, wieso Prof. Gallo nicht für den HIV den Nobelpreis erhalten hat, ohne seine sonstigen wissenschaftlich herausragenden Leistungen schmälern zu wollen.
Mit freundlichen Grüssen
Dr. med.Carlos Quinto MPH
Danke für den Hinweis, wenn ich Gelegenheit habe, werde ich das Buch lesen und den Film anschauen.